04. August

Digitalisierung der Medizin: Von wem können wir lernen?

Ob Telemedizin oder nationales Datennetzwerk: Obwohl vieles angestoßen wurde, steckt die Digitalisierung der Medizin – seien wir ehrlich – in Deutschland bisher noch immer in den Kinderschuhen. Wir zeigen, welche Länder schon deutlich weiter im E-Health Bereich sind als wir.

7 Min.

Für die Befürworter der Digitalisierung der Medizin ist es ein absoluter Widerspruch: Wer krank im Bett liegt, alt und gebrechlich ist oder einfach nur ein Rezept braucht, der muss den Ort verlassen, an der er sich am besten fühlt. Er muss aus dem Bett, aus dem Haus und hinein in ein Wartezimmer, zusammen mit anderen Kranken. Oder er muss durch die halbe Bundesrepublik reisen, um einen Spezialisten zu besuchen, der ihn zehn Minuten unter die Lupe nimmt und dann zum nächsten weiterschickt. Dabei ist die Digitalisierung der Medizin woanders bereits so weit fortgeschritten, dass all dies gar nicht mehr notwendig wäre.

Und das nicht nur in der Theorie: Andere Länder sind uns hier bereits mehrere Schritte voraus und haben das umgesetzt, was bei uns noch in der Anfangsphase feststeckt. Während die Bundesregierung noch davon spricht, daran zu arbeiten, zum „Vorreiter bei der Einführung digitaler Innovationen in das Gesundheitssystem“ zu werden, zeigen uns Länder wie Dänemark oder die Estland, wie es wirklich geht. Wir können uns da einiges abschauen – was genau, haben wir uns näher angeschaut.

Die Digitalisierung der Medizin lässt sich messen!


Um herauszufinden, wo in Deutschland noch Verbesserungsbedarf besteht, sehen wir uns im ersten Schritt einmal den Digital-Health-Index an. Die medizinische Forschung bewertet dabei an verschiedenen Dimensionen, wie hoch der Grad der Digitalisierung im Gesundheitswesen ist:

  • Der politische Hintergrund: Hierbei wird die „Policy-Aktivität“ der Staaten bewertet, also die Gesetzgebung und die Strategie in Hinblick auf die Digitalisierung.
  • Die technische Implementierung und Readiness: Wie einsatzfähig, alltagstauglich und technisch fortgeschritten sind die digitalen Hilfsmittel?
  • Die Datennutzung: Werden Gesundheitsdaten tatsächlich ausgetauscht und wie vernetzt ist das System?

Vorreiter in der Digitalisierung


2018 hat sich dann herausgestellt: Von den 17 untersuchten Ländern landete Deutschland auf Platz 16 – vor Polen. Im Detail sah das Ranking der von der Bertelsmann Stiftung durchgeführten Studie wie folgt aus: 

  1. Estland
  2. Kanada
  3. Dänemark
  4. Israel
  5. Spanien
  6. NHS* England
  7. Schweden
  8. Portugal
  9. Niederlande
  10. Österreich
  11. Australien
  12. Italien
  13. Belgien
  14. Schweiz
  15. Frankreich
  16. Deutschland
  17. Polen

Die gewünschte Rolle als Vorreiter bei der Digitalisierung in der Medizin lässt sich aus diesem Ergebnis nicht herauslesen. Und das ist auch keine Überraschung. Denn in Deutschland stoßen Neuerungen wie das E-Rezept oder die digitale Patientenakte noch immer auf eine recht zögerliche Politik, die an traditionellen Konzepten festhalten möchte.

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Wo steht Deutschland bei der Digitalisierung der Medizin? 


Dass Deutschland kein Spitzenreiter ist, wissen wir jetzt. Jedoch bedeutet das nicht, dass wir nicht trotzdem einige vielversprechende Konzepte vorweisen können. Besonders hervorzuheben sind dabei die medizintechnischen Ansätze, auf welche beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gesetzt wird. Dieses hat eine Digitalstrategie mit dem Namen „Digitale Zukunft: Lernen. Forschen. Wissen.“ veröffentlicht, in der es beschreibt, wo jetzt und in Zukunft Impulse gesetzt werden sollen.

Ein wichtiges Projekt ist dabei beispielsweise der Aufbau zweier sogenannter Big Data Zentren, die in Berlin sowie in Dresden und Leipzig an der Auswertung umfangreicher Daten arbeiten. Auch im Deutschen Netzwerk für Bioinformatik entwickeln Wissenschaftler innovative Auswertungssysteme. Als weiteres wegweisendes Projekt gilt die Fördermaßnahme „Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung“. 

Dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit zwischen Informatikern, Biologen, Mathematikern und Medizinern, mit dem Ziel individuellere Therapieansätze voranzutreiben. Last but not least steht die Etablierung eines übergreifenden Netzwerks auf der Agenda, mit dessen Hilfe medizinische Daten zwischen Ärzten, Kliniken und Patienten ausgetauscht werden sollen. Auf Basis dieser Daten soll unter anderem ein besseres Wissensmanagement und daraus resultierend eine individuellere, datengestützte Behandlung resultieren. Neben diesen Projekten setzt das BMBF außerdem auf den Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese können zum Beispiel die Telemedizin voranbringen und so ortsunabhängige Behandlungen und Diagnosen verbessern.

Du siehst: Die Grundlage für ein umfassendes digitales Gesundheitssystem besteht bereits. Was nun noch fehlt, ist die konsequente Anwendung in der Praxis – und ein gutes Vorbild.

Neues aus E-Medizin & Forschung: So sind uns andere Länder voraus


Seitdem die Industrie 4.0 die Medizin erreicht hat und die neueste Technik auch im Medizinbereich nicht mehr wegzudenken ist, versuchen Länder neue Ansätze zu finden, um Medizin und Technik zusammenzubringen. Dabei sind die einen erfolgreicher als die anderen. Wir haben uns die Gesundheitssysteme ausgesuchter Länder angesehen und möchten dir Konzepte vorstellen, die wir uns auch für Deutschland vorstellen könnten.

Estland:


Die Nummer Eins laut Digital-Health-Index und das zu Recht. Denn abgesehen von der elektronischen Patientenakte und dem E-Rezept gibt es hier ENHIS, ein landesweites Netzwerk, über das Gesundheitsdaten jedes Bürgers gesammelt und ausgetauscht werden. Wer nicht möchte, dass seine Daten eingesehen werden, der kann dem ganz einfach widersprechen. Dieses Konzept funktioniert bereits seit 2005 und ist nur ein Teil eines durchdachten Systems, zu dem unter anderem auch Videosprechstunden und Ferndiagnosen gehören. Darüber hinaus dürfen die Daten für die medizinische Forschung genutzt werden.

Dänemark:


Das Erfolgsrezept in Dänemark lässt sich mit nur einem Wort beschreiben: Vertrauen. Denn die Dänen zeigen ein großes Interesse an den digitalen Angeboten und nutzen diese gern. Bereits bei der Entwicklung der Anwendungen spielen die Patienten eine große Rolle und werden miteinbezogen. Durch das Involvieren von Bürgern in die Entwicklung entsteht ein größeres Vertrauen in die Anwendung. Auch die niedrige Akzeptanz von deutschen Patienten könnte so erhöht werden.

Im Zentrum des dänischen Systems steht das Portal sundhed, in dem jeder seine komplette Krankengeschichte einsehen und an Ärzte freigeben kann – sozusagen ein Schnittpunkt aller Anwendungen. Monatlich wird das Portal von mehr als einem Drittel der Dänen besucht.

Kanada:


Im Gegensatz zu Estland und Dänemark ist Kanada ein sehr großes Land und hat deshalb mit anderen Herausforderungen zu kämpfen. Das Land setzt deshalb auf einen dezentralen Ansatz, der es auf Platz 2 des Digital-Heath-Index geschafft hat. Gelenkt wird das System von Infoway, einer öffentlichen Gesellschaft, die digitale Anwendungen fördert. Ein Beispiel dafür ist die Kooperation mit PrescribeIT, einem E-Rezept-Dienst, der landesweit zur Anwendung kommen soll. Die treibende Kraft in Kanada ist die Politik und deren Wille zur Innovation. So wurden von Infoway bereits 1,3 Milliarden CAD in Projekte investiert.

Israel:


Israel ist Vorreiter und Vorbild, wenn es um Digitalisierung der Medizin geht: Bereits seit 1995 wird hier auf Big Data gesetzt. Allerdings kommt in Israel der Antrieb nicht von der Regierung, sondern von verschiedenen privaten Gesundheitspflegeorganisationen. So entsteht Wettbewerb, der eine hohe Innovationskraft mit sich bringt. Das bedeutet wiederum auch, dass staatliche Regulierung, Datenschutz und ein ganzheitlicher Datenaustausch hier keine große Rolle spielen – laut Bertelsmann Stiftung ein Nachteil. Seit einigen Jahren lässt sich jedoch ein Wandel beobachten und die Regierung wird aktiver in der Koordination und Förderung der Digitalisierung und der Schaffung eines übergreifenden Systems.


Schließen sich Big Data und Souveränität aus?

Der Ethikrat und ottonova nehmen Stellung


Pro & Contra: Macht die Digitalisierung die Medizin wirklich besser?


Seit die Industrie 4.0 die Medizin vorantreibt, wird leidenschaftlich über Vor- und Nachteile der E-Health Entwicklungen und Maßnahmen diskutiert. In unserem Pro-Contra stellen haben wir die Chancen und Risiken näher beleuchtet.

  • Digitale Patientenakten und Co. sparen in der Bürokratie Zeit, die für die Behandlung genutzt werden kann.
  • Digitalisierung in der Medizin entlastet Patienten, die körperlich eingeschränkt sind.
  • Durch die effiziente Gewinnung und Auswertung von Daten wird die medizinische Forschung vorangetrieben.
  • Die Effizienz und der Erfolg bei einfachen Operationen könnte durch Roboter verbessert werden.

  • Die Verwendung von sensiblen Daten macht Patienten zu potenziellen Opfern von Cyber-Kriminalität. Ein gutes Sicherheitskonzept ist die Grundlage für die Digitalisierung der Medizin in der Zukunft.
  • Die persönliche Bindung zwischen Arzt und Patient kann geschädigt werden. Vor allem alte Menschen könnten dadurch vermehrt unter Einsamkeit leiden.
  • Die Investition in die Digitalisierung kann hohe Kosten mit sich bringen.

Digitalisierung der Medizin: Zukunft mit Hindernissen


Deutschland hält sich im Gegensatz zu vielen (west)europäischen Ländern bei der Digitalisierung der Medizin bisher noch eher zurück. Neues aus Medizin und Forschung führt bei uns nicht zwingend zu einem Umdenken im Gesundheitswesen. Dennoch lassen sich in letzter Zeit einige Schritte zu einer medizinischen Versorgung beobachten, die sich zunehmend auf Technologien stützt. Die Einführung der digitalen Patientenakte 2019 war solch ein Schritt – und Befürworter hoffen, dass dank der Corona-Pandemie die Digitalisierung der Medizin in Zukunft einen Schub erlebt und weitere Neuerungen folgen.

Die ersten Folgen sind bereits zu beobachten. Ganz aktuell besteht nun zum Beispiel die Möglichkeit, sich über Video krankschreiben zu lassen, wenn eine Untersuchung ohne persönliches Erscheinen möglich und der Patient dem Arzt bekannt ist – ganz klar eine Folge der Pandemie. Dennoch hat Deutschland trotz Bemühungen einen zeitlichen Rückstand, der sich nur schwer aufholen lässt. Um mit anderen Ländern gleichzuziehen, sehen wir vor allem Verbesserungsbedarf in folgenden Bereichen:

  • Vor allem im ländlichen Bereich ist die Industrie 4.0 in der Medizin noch nicht angekommen. Hier sollte die Telemedizin ausgebaut und damit dem Fachkräftemangel effektiv entgegengewirkt werden. Lokale Telemedizin-Zentren könnten Krankenhäuser entlasten und die Behandlung von weniger mobilen Patienten würde sich verbessern.
  • Das Vertrauen der Deutschen in die Telemedizin muss gestärkt werden. Erreicht werden kann dies mithilfe eines transparenten Systems und der Miteinbeziehung von Patienten in die Entwicklung.
  • Nicht nur die Politik, auch viele Ärzte und Patienten stehen dem technischen Fortschritt kritisch gegenüber. Ein besserer Dialog und gemeinsame Zielsetzung könnten zu einer Beschleunigung der Digitalisierung führen.
  • Mit mehr Mut zur Innovation könnte auch Deutschland bei der Digitalisierung der Medizin in Zukunft eine Spitzenrolle einnehmen. So könnten Projekte wie die Krebsfrüherkennung durch künstliche Intelligenz in Israel möglich sein. Hierbei sollten auch private Firmen unterstützt werden, um Innovation voranzutreiben.
  • In Deutschland gibt es viele erfolgreiche regionale Pilotprojekte. Eine bundesweite Anwendung, die in die alltägliche Versorgung integriert wird, scheint jedoch weit entfernt. Hier besteht Bedarf zur besseren Koordination durch die Bundesregierung.

Telemedizin bei ottonova

Wenn auch vorerst nur zögerlich, wird die Digitalisierung der Medizin in Zukunft auch in Deutschland weiter voranschreiten. Seit Beginn der Corona-Pandemie lässt sich ein Umdenken beobachten, welches nicht nur bei Ärzten und Patienten, sondern auch bei der Regierung im Gange ist. Erste Resultate sind bereits zu sehen – wann Deutschland im Digital-Health-Index nach oben rücken wird, kann nur die Zukunft zeigen.

Wir von ottonova sind als erste private Krankenversicherung, die in Deutschland den Arzt-Video-Chat angeboten hat, zuversichtlich, dass die Telemedizin auch in Deutschland ihren Weg finden wird und alle Patienten von ihr profitieren werden. Probiere es doch selbst einmal aus und buche deinen nächsten Arztbesuch online, lass dir über unsere App eine Videosprechstunde vermitteln oder frage bei deinem Arzt über die telemedizinischen Möglichkeiten nach.

Bleibe mit unserem Magazin auf dem Laufenden, wenn es um Neues aus Medizin und Forschung geht! Digitalisierung ist die Zukunft – und wir haben dazu einiges zu sagen! Hier liest du mehr zum Thema:

Blog Autor
ÜBER DEN AUTOR

Sabrina Quente

Sabrina ist freie Autorin für Versicherungs- und Digitalisierungsthemen. Sie war Redakteurin bei Fachzeitschriften und lernte als Content Editor bei ottonova die vielen Facetten der Versicherungswelt kennen.

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