ADHS gilt oft als "Kinderkrankheit", ein Irrtum, der dazu führt, dass viele Erwachsene jahrelang ohne klare Antwort mit innerer Unruhe, Chaos im Kopf oder Konzentrationsproblemen leben. Doch wie zeigt sich die Störung im Erwachsenenalter, welche Unterschiede gibt es zwischen Frauen und Männern und wo verläuft die Grenze zu ADS?
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zeigt sich durch die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität; im Erwachsenenalter prägen diese ADHS Symptome den Alltag oft anders als bei Kindern. ADHS gilt als eine der am häufigsten diagnostizierten Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen, weltweit sind etwa 5% der Kinder betroffen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme handelt es sich dabei jedoch nicht um eine reine "Kinderkrankheit".
Während sich die Symptomatik im Kindesalter vor allem bei Jungen oft durch ausgeprägte körperliche Unruhe und Zappeligkeit äußert, kann sie sich über Kindheit, Jugend und späteres Alter im Verlauf häufig deutlich wandeln. Viele betroffene Erwachsene versuchen, den ständigen Drang nach Bewegung durch intensiven Sport oder dauerhafte Aktivität zu kompensieren. Gerade weil ADHS oft fälschlich nur mit Kindern verbunden wird, bleibt ADHS bei Erwachsenen nicht selten lange unerkannt (ADHS-Info, o.J.).
Grundsätzlich machen sich diese Kernsymptome von ADHS meist bemerkbar (Kooij et al., 2019):
Unaufmerksamkeit: Betroffenen fällt es schwer, die Konzentration über längere Zeit aufrechterhalten, insbesondere bei Aufgaben, die keine unmittelbare Begeisterung auslösen. Gegenstände des täglichen Bedarfs werden häufig verlegt oder verloren. Zudem wirken Personen mit ADHS im Gespräch oft ablenkbar oder so, als würden sie nicht aufmerksam zuhören.
Hyperaktivität: Hierunter versteht man eine anhaltende innere oder äußere Unruhe. Längeres ruhiges Sitzen fällt Betroffenen schwer und wird als qualvoll empfunden.
Impulsivität: Impulsives Verhalten zeigt sich durch unüberlegtes und vorschnelles Handeln. Betroffene unterbrechen häufig andere, handeln ohne Abwägung der Konsequenzen und zeigen eine geringe Frustrationstoleranz.
Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sind die diagnostischen Kernsymptome von ADHS. Zudem können aber auch exekutive Dysfunktion und emotionale Dysregulation häufig mit ADHS verbundene Merkmale sein:
Exekutive Dysfunktion: Damit sind Schwierigkeiten bei der Planung, Organisation und Steuerung des eigenen Handelns gemeint. Betroffenen kann es beispielsweise schwerfallen, Aufgaben zu beginnen, Prioritäten zu setzen, mehrere Arbeitsschritte zu koordinieren oder Fristen und Termine im Blick zu behalten. Auch das Wechseln zwischen Aufgaben und das Einschätzen des benötigten Zeitaufwands können Probleme bereiten (Soler-Gutiérrez, 2023).
Emotionale Dysregulation: Betroffene können Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen angemessen zu regulieren. Gefühle wie Ärger, Frustration, Enttäuschung oder Begeisterung werden mitunter besonders intensiv erlebt und können schnell wechseln. Es kann zudem länger dauern, nach emotional belastenden Situationen wieder zur Ruhe zu kommen.
Typen von ADHS
Nicht jeder Mensch mit ADHS zeigt dieselben Verhaltensweisen. In der medizinischen Diagnostik wird daher zwischen drei verschiedenen Erscheinungsformen und dem jeweiligen Störungsbild unterschieden:
Vorwiegend unaufmerksamer Typ: Vor allem Unaufmerksamkeit und Desorganisation stehen im Vordergrund.
Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ: Impulsivität und Hyperaktivität sind stark ausgeprägt, vor allem im Erwachsenenalter.
Kombinierter Typ: Hier treten Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gleichermaßen auf (Schön Klinik, o.J.).
Je nach Typ und Lebensphase kann sich die Ausprägung der Symptome deutlich unterscheiden.
Unterschied ADS und ADHS
Obwohl die Begriffe oft als Synonym verwendet werden, gibt es einen wesentlichen Unterschied: Bei der reinen ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) fehlt die Komponente der Hyperaktivität; zur Definition gehört dabei auch, dass ADS und ADHS jeweils eine Abkürzung für unterschiedliche Ausprägungen derselben Störung sind. Betroffene von ADS fallen im Alltag selten durch Unruhe oder störendes Verhalten auf. Stattdessen stehen Verträumtheit, verlangsamte Informationsverarbeitung und leichte Ablenkbarkeit im Vordergrund, weshalb eine ADS besonders lange unentdeckt bleiben kann. Als Form der Aufmerksamkeitsstörung wirkt sie daher häufig unauffälliger.
ADHS Symptome bei erwachsenen Frauen
Bei Frauen wird ADHS auch heute noch deutlich seltener und später diagnostiziert. Der Grund dafür liegt im potentiell unterschiedlichen Erscheinungsbild: Die körperliche Unruhe ist nach außen hin meist weniger sichtbar oder richtet sich stark nach innen. Viele Anzeichen können schon in der Kindheit vorhanden sein, werden bei Frauen aber oft übersehen. Zusätzlich spielen hormonelle Einflüsse eine entscheidende Rolle. Hormonschwankungen im Laufe des weiblichen Zyklus, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren können die ADHS Symptome bei Frauen phasenweise erheblich verstärken. (Vincera Kliniken, o.J.).
Typische Merkmale bei Frauen mit ADHS:
Fokus: Frauen mit AHDHS wirken oft "verträumt" und haben Schwierigkeiten zuzuhören oder an etwas dranzubleiben, weil sie gedanklich oft abschweifen. (BYANA)
Gedanken & Emotionen: Überforderung, ausgeprägte innere Unruhe, hohe emotionale Sensibilität und der permanente Druck, im Alltag voll funktionsfähig erscheinen zu müssen. Frauen mit ADHS überspielen im Allgemeinen ihre Symptome oft erfolgreich, was auch masking genannt wird. (BYANA)
Unbehandelte Symptome können die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen.
Wichtig: Diese Merkmale sind zwar typisch für Frauen mit ADHS, treten aber nicht zwingend bei allen Betroffenen auf und können genauso auch bei Männern vorkommen.
ADHS Symptome bei erwachsenen Männern
Bei Männern zeigt sich ADHS im Erwachsenenalter häufig deutlicher nach außen gerichtet. Da verhaltensauffälliges oder hyperaktives Verhalten meist schon im Kindesalter auffällt, besteht bei Männern oft schon früher ein Bewusstsein für die Diagnose (GAM Medical, 2024). Dennoch werden Erwachsene mit ADHS nicht immer früh erkannt und haben im Alltag oft besondere Schwierigkeiten.
Typische Merkmale bei Männern mit ADHS:
Äußere Hyperaktivität: Eine weiterhin stark ausgeprägte Hyperaktivität (Universitätsklinikum Freiburg, o.J.).
Impulsivität im Alltag: Unüberlegtes, vorschnelles Handeln, sowohl im Beruf als auch bei finanziellen Entscheidungen oder im Straßenverkehr (Tutzer, 2025). Am Arbeitsplatz zeigt sich das oft auch darin, dass Termine schwer eingehalten werden oder es häufiger zu einem Arbeitsplatzwechseln kommt.
Soziale Auffälligkeiten: Aggressives Verhalten und brechen von Regeln (NDR, 2024).
Ständige Konzentrationsprobleme, Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, ausgeprägte Vergesslichkeit, Chaos im Zeitmanagement sowie hohe Hürden beim Priorisieren und Abschließen von Aufgaben, kann bei beiden Geschlechtern ein Anzeichen für ADHS sein.
Beide Geschlechter haben außerdem gemeinsam, dass das Risiko für eine reduzierte Lebenserwartung besteht. Dies ist allerdings nicht auf ADHS als direkte Ursache zurückzuführen. Die Autoren einer großen britischen Studie (O'Nions et al., 2025) gehen davon aus, dass ein Teil der verkürzten Lebenserwartung mit veränderbaren Risikofaktoren sowie ungedecktem Behandlungs- und Unterstützungsbedarf bei ADHS und Begleiterkrankungen zusammenhängt.
Mögliche Begleit- und Folgeerkrankungen von ADHS
ADHS tritt vergleichsweise häufig gemeinsam mit anderen psychischen oder neurologischen Erkrankungen auf. Man spricht dann von Komorbiditäten (BYANA, o.J.).
Wichtig ist: Die folgenden Erkrankungen sind keine zwangsläufige Folge von ADHS - sie kommen bei Menschen mit ADHS lediglich häufiger vor und müssen diagnostisch von ADHS-Symptomen unterschieden werden (ADHS Deutschland e.V., o.J.).
Depressionen und depressive Störungen - gehören zu den besonders häufigen Begleiterkrankungen; depressive Symptome können teilweise auch durch langjährige Belastungen und negative Erfahrungen im Zusammenhang mit ADHS verstärkt werden.
Angststörungen - beispielsweise generalisierte Ängste, soziale Ängste oder Panikstörungen. Angststörungen und Depressionen können mitunter diagnostiziert werden, bevor eine zugrunde liegende ADHS erkannt wird.
Suchterkrankungen - Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für problematischen Substanzkonsum und andere Formen von Suchtverhalten.
Schlafstörungen - darunter Ein- und Durchschlafprobleme sowie Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen und abzuschalten. Auch das Restless-Legs-Syndrom wird im Zusammenhang mit ADHS häufiger beschrieben.
Zwangsstörungen - zwanghafte Gedanken oder Handlungen können zusätzlich zu ADHS auftreten. Teilweise entwickeln Betroffene auch sehr perfektionistische Kontroll- und Ordnungsstrategien, um Vergesslichkeit und Flüchtigkeitsfehler auszugleichen.
Autismus-Spektrum-Störung - ADHS und Autismus können gemeinsam auftreten.
Tic-Störungen bzw. Tourette-Syndrom - insbesondere aus dem Kindes- und Jugendalter ist ein gehäuftes gemeinsames Auftreten bekannt.
Lese-Rechtschreib- und Rechenstörungen - ebenfalls typische mögliche Begleiterkrankungen, die häufig bereits im Kindes- oder Jugendalter auffallen.
Wo können sich Betroffene von ADHS hinwenden?
Wer vermutet, im Erwachsenenalter von ADHS betroffen zu sein, kann sich zunächst an die Hausarztpraxis wenden, um Beschwerden zu besprechen und geeignete Fachstellen zu finden. Für eine fachgerechte Diagnostik kommen insbesondere Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie entsprechend qualifizierte ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen infrage; auch spezialisierte ADHS-Ambulanzen, etwa an psychiatrischen Kliniken oder Universitätskliniken, können Anlaufstellen sein.
Die Diagnostik umfasst in der Regel ausführliche Gespräche zur aktuellen Symptomatik und zur Entwicklung seit der Kindheit und kann durch Fragebögen sowie Informationen von Angehörigen ergänzt werden. Für die Suche nach einer geeigneten Praxis können gesetzlich Versicherte außerdem die Arzt- und Psychotherapeutensuche sowie den Terminservice der 1161 nutzen.
Nach einer Diagnose richtet sich die Behandlung nach den individuellen Beschwerden und dem Leidensdruck. Je nach Situation können Psychoedukation auch durch digitale Anwendungen wie Apps, Psychotherapie und eine medikamentöse Behandlung miteinander kombiniert werden; ergänzend können Selbsthilfegruppen oder regionale ADHS-Netzwerke (zentrales ADHS-Netz, o.J.) Unterstützung und Austausch bieten.
FAQs zu ADHS Symptomen bei Erwachsenen
Ein Selbsttest kann ein erster Hinweis auf ADHS sein, gilt aber nicht als offizielle Diagnose. Wenn du Klarheit möchtest, wende dich für eine medizinische Diagnose an eine Facharztpraxis für Psychiatrie, Psychotherapie oder Neurologie. Die Diagnose ADHS orientiert sich die Diagnostik insbesondere an der S3-Leitlinie ADHS und etablierten diagnostischen Kriterien; für die ADHS-Diagnose müssen bei Erwachsenen mehrere Symptome vorliegen und die Beschwerden schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben (nach DSM-5). Viele Betroffene zeigen bereits in der Kindheit und im Jugendalter Anzeichen, und bis zu 70 Prozent bleiben auch im Erwachsenenalter betroffen.
ADHS hat komplexe Ursachen, zu denen Vererbung, biologische Abläufe im Gehirn und Einflüsse aus der Umwelt gehören. Es gibt daher nicht den einen Auslöser, sondern es handelt sich um eine Zusammenwirkung der verschiedenen Faktoren. In der neurobiologischen Entwicklung spielen nach Einschätzung vieler Wissenschaftler Veränderungen in bestimmten Bereichen des Gehirns eine Rolle, wobei bei ADHS das Dopamin-Gleichgewicht gestört sein kann. Unterschiede in der Entwicklung und Funktion bestimmter neuronaler Netzwerke sowie in der Signalübertragung von Botenstoffen wie Dopamin und Noradrenalin werden mit ADHS in Verbindung gebracht. ADHS tritt familiär gehäuft auf und ist stark erblich; auch eine Frühgeburt lässt das Risiko für ADHS ansteigen. Für das Rauchen während der Schwangerschaft gibt es erste Hinweise, allerdings noch keinen wissenschaftlich belegten kausalen Zusammenhang als Auslöser von ADHS.
Kooij JJS, Bijlenga D, Salerno L, et al. Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry. 2019;56(1):14-34. doi:10.1016/j.eurpsy.2018.11.001
O’Nions E, El Baou C, John A, et al. Life expectancy and years of life lost for adults with diagnosed ADHD in the UK: matched cohort study. The British Journal of Psychiatry. 2025;226(5):261-268. doi:10.1192/bjp.2024.199
Soler-Gutiérrez AM, Pérez-González JC, Mayas J. Evidence of emotion dysregulation as a core symptom of adult ADHD: A systematic review. PLoS One. 2023 Jan 6;18(1):e0280131. doi: 10.1371/journal.pone.0280131
Eva George und Natascha Engler sind Co-Founderinnen und Geschäftsführerinnen von BYANA, einer Plattform, die Menschen mit ADHS und anderen Formen von Neurodivergenz mit Wissen und alltagsnaher Unterstützung begleitet. Eva George verbindet ihre Erfahrung in Strategie und Unternehmensführung mit einem Studium der Psychologie. Ihr Schwerpunkt liegt auf menschlichem Verhalten, Kommunikation und Führung. Natascha Engler, ehemalige CEO von Immowelt, bringt langjährige Führungserfahrung und ihre persönliche Perspektive als spät mit ADHS diagnostizierte Betroffene ein.
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