Endometriose: Unbekanntes, oft unerkanntes Frauenleiden

Es ist die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung überhaupt, trotzdem bleibt Endometriose oft unentdeckt. Woran liegt das? Welche Symptome können auf diese Krankheit hindeuten und wie entsteht sie? Wir haben alle Infos für dich.

Endometriose ist eine chronische Krankheit, bei der Zellen aus der Gebärmutterschleimhaut außerhalb ihres Ursprungsorts auftreten. Das kann zu starken Regelblutungen, Unterleibsschmerzen und Unfruchtbarkeit führen. Es handelt sich um die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung: 4 bis 12 % aller Frauen im gebärfähigen Alter erkranken daran. Trotzdem ist bisher wenig über die Krankheit bekannt – und sie wird selbst von Gynäkologen oft übersehen.

Starke Regelschmerzen können ein Anzeichen für Endometriose sein

Wenn du deine erste Periode hinter dir hast, dann kennst du dieses Phänomen wahrscheinlich: Einmal im Monat zwickt es im Unterleib. Zu den Krämpfen können sich Kopfschmerzen, Übelkeit und Verdauungsprobleme gesellen. Regelbeschwerden eben. Im Laufe der Jahre hast du wahrscheinlich herausgefunden, was dir während der Menstruation guttut – zum Beispiel ein heißes Bad, eine krampflösende Wärmflasche, Naturheilmittel wie Mönchspfeffer oder Auspowern beim Sport. Und falls es mal ganz fies zieht im Bauch, verspricht eine Schmerztablette schnelle Linderung und das Leben geht weiter wie gewohnt. Oder etwa nicht?


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Für manche Menstruierende ist ihre Periode wesentlich mehr als eine monatliche Körperreaktion, die sie mit einem Achselzucken hinnehmen und mit einer Tasse Kräutertee besänftigen können. Tatsächlich leidet eine erschreckend große Anzahl unter starken Blutungen, quälenden Bauch- und Rückenschmerzen sowie Schmerzen beim Stuhlgang oder Urinieren. Und das nicht nur während der Monatsblutung selbst, sondern unter Umständen auch an den Tagen davor oder zwischen zwei Blutungen.

Wenn sich Betroffene an Vertraute oder gar einen Arzt wenden, ernten sie oft dieselbe Reaktion: „Das gehört eben zum Menstruieren dazu, da kann man nichts machen.“ Dabei steckt hinter diesen Beschwerden häufig eine chronische Erkrankung namens Endometriose.

Was ist Endometriose? Warum ist die Diagnose so schwierig und wie sieht die Behandlung aus?

Gebärmutterschleimhaut auf Abwegen

Endometriose ist eine der häufigsten Unterleibserkrankungen. Etwa 40.000 Fälle werden jedes Jahr in den Krankenhäusern gezählt – wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich weitaus höher liegt, da selbst Frauenärzte Endometriose oft nicht erkennen. Was steckt hinter dieser gutartigen Erkrankung?

Gut zu wissen:

Wenn du an Endometriose leidest, wuchert das Gewebe der Gebärmutterschleimhaut auch außerhalb der Gebärmutterhöhle. Es befällt beispielsweise die Eierstöcke, die Harnblase oder die Vertiefung zwischen Gebärmutter und Enddarm. Diese Schleimhautzellen auf Abwegen werden Endometriose-Herde genannt.

Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner, die Leiterin des Endometriose-Zentrums an der Berliner Charité, erklärte gegenüber dem MDR:

„Wenn es zu einer Ansiedlung von solchen Läsionen kommt, in der Gebärmutter-Muskelwand oder im Bauchraum, dann durchlaufen sie wie die Gebärmutterschleimhaut zyklische Veränderungen, sind hormonabhängig aktiv und setzen Schmerz-Mediatoren und Botenstoffe frei, gerade zur Zeit der Menstruation. Das ist dann oftmals sehr schmerzhaft.“

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Das bedeutet: Genau wie die Gebärmutterschleimhaut innerhalb der Gebärmutter werden die Endometriose-Herde im Verlauf des Zyklus aufgebaut und abgestoßen. Es kommt sogar zu leichten Blutungen, wobei das Blut und die Gewebereste aber nicht wie bei der Periode über die Vagina aus dem Körper transportiert werden. Wenn die Zellreste der Endometriose-Herde nicht von deinem Organismus abgebaut werden, kann dies zu schmerzhaften Entzündungen, Verklebungen und Zysten führen.

Endometriose Grafik

Endometriose: Symptome und Ursache

Bei Endometriose-Patientinnen befinden sich also Zellen der Gebärmutterschleimhaut an Körperstellen, wo sie nicht hingehören. Doch warum treten diese Zellen überhaupt außerhalb der Gebärmutterhöhle auf? Dazu gibt es verschiedene Theorien.

Ein Erklärungsansatz lautet, dass die Schleimhautzellen von ihrem Ursprungsort wegtransportiert wurden und sich an anderen Orten im Körper ausgebreitet haben. Das kann zum Beispiel passieren, wenn nicht das gesamte Menstruationsblut über die Vagina abfließt und ein Teil über die Eileiter zurück in den Bauchraum gelangt. Man spricht in diesem Fall von einer „retrograden Menstruation“. Sie tritt recht häufig auf: Etwa bei 90 % aller Menstruierenden soll es einen solchen Rückfluss geben, trotzdem entwickeln nicht alle von ihnen eine Endometriose.

Vermutlich spielen bei der Krankheitsentstehung auch noch andere Faktoren eine Rolle – etwa eine Fehlfunktion des Immunsystems, eine Hormonstörung oder eine genetische Veranlagung.


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Typische Symptome bei Endometriose:

  • Nicht immer löst eine Endometriose Beschwerden aus. Manche Frauen bemerken nur leichte Symptome.
  • Andere leiden unter krampfartigen Regelschmerzen, starken Monatsblutungen und/oder Zwischenblutungen.
  • Auch außerhalb der Periode können Unterleibsschmerzen auftreten sowie Rückenschmerzen, Schmerzen beim Wasserlassen und beim Stuhlgang sowie Schmerzen während und nach dem Geschlechtsverkehr.
  • Die Endometriose kann aber auch den Darm negativ beeinflussen und Blähungen, Verstopfung oder Durchfall hervorrufen.
  • Typisch ist, dass sich die Probleme im Verlauf des Zyklus verschlimmern. Kurz vor und während der Periode sind die Schmerzen meist am heftigsten, danach bessern sich die Symptome oftmals kurzfristig.

Warum fällt die Diagnose Endometriose so schwer?

Obwohl verhältnismäßig viele Frauen an Endometriose leiden, dauert es meist mehrere Jahre, bis die Krankheit erkannt und behandelt wird. Oft laufen die betroffenen Frauen von einem Arzt zum nächsten, bis irgendwann endlich die Diagnose Endometriose gestellt wird. Es gibt nämlich keinen Labor-Test, mit dem Ärzte Endometriose eindeutig feststellen können.

Ein Routinecheck beim Gynäkologen, mit Abstrich und kurzem Gespräch, reicht nicht aus, um eine Endometriose zu entdecken. Stattdessen bedarf es einer umfangreichen Erhebung der Krankengeschichte und einer sorgfältigen Ultraschall-Untersuchung – je nach Verteilung der Endometriose-Herde können auch eine Bauchspiegelung oder ein MRT notwendig werden.

Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner von der Berliner Charité berichtet: „Eine Endometriose-Vorstellung einer Patientin dauert bei uns ungefähr 40 bis 60 Minuten. Wenn man eine ausführliche Anamnese machen möchte, dann gehört es dazu, dass man wirklich bei der ersten Regelblutung anfängt mit der ganzen Befragung und dann ganz in Ruhe darüber spricht.“

So viel Zeit haben die meisten Frauenärzte schlichtweg nicht, wie Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner weiß: „Man kann sich als niedergelassener Frauenarzt leider nicht eine halbe, dreiviertel Stunde mit einer Patientin hinsetzen und diese Schmerz-Anamnese aufnehmen, ohne dass das entsprechend vergütet wird. Das ist ein ernstzunehmendes Problem, das gehört dann auch ordentlich bezahlt.“

Behandlung von Endometriose

Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass im Schnitt zehn Jahre vergehen, bis die Endometriose entdeckt und behandelt wird. Da aufgrund fehlender Forschungsdaten die genaue Ursache der Krankheit unbekannt ist, kann die Behandlung allerdings nur die Symptome bekämpfen.

Welche Therapieform gewählt wird, hängt unter anderem vom Alter und ggf. vom Kinderwunsch der Patientin ab. Auch die Lage und das Ausmaß der Endometriose-Herde spielen eine Rolle bei der Behandlung.

Möglich ist zum Beispiel eine Hormontherapie: Möchte die Betroffene keine Kinder (mehr), können hormonelle Verhütungsmittel wie die Anti-Baby-Pille oder Hormonpflaster verschrieben werden. Aber auch andere Hormonpräparate wie GnRH-Analoga oder Gestagen-Tabletten können zum Einsatz kommen. Diese können jedoch zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen führen.

Endometriose und Kinderwunsch

Unbehandelt kann eine Endometriose zu Unfruchtbarkeit führen – sogar dann, wenn ansonsten keinerlei Symptome auftreten. Sind die Beschwerden sehr stark und/oder möchte die Patient*in schwanger werden, müssen die Endometriose-Herde und Zysten operativ entfernt werden.

Doch die Krankheit ist tückisch: Nach der OP kann die Endometriose zurückkehren und eine Schwangerschaft weiterhin erschweren oder sogar unmöglich machen. In diesem Fall raten die Ärzte meist zu einer künstlichen Befruchtung statt zu einer erneuten Operation, um den Kinderwunsch der Patientin in Erfüllung gehen zu lassen.


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Wenn du vermutest, an Endometriose zu leiden, solltest du nicht lockerlassen und deinen Gynäkologen darauf ansprechen – und im Zweifelsfall einen Spezialisten aufsuchen. Prof. Dr. med. Sylvia Mechsner sagte im Gespräch mit der Deutschen Apotheker Zeitung:

„Je erfahrener ein Frauenarzt ist und je mehr er sich mit dieser Thematik beschäftigt, desto leichter ist eine Endometriose auch zu erkennen. Man kann allein durch Tasten Ungewöhnliches feststellen – Knoten im hinteren Scheidengewölbe und/oder dem Darm. Auch im Ultraschall kann man neben der Gebärmutter den Darm anschauen und prüfen, ob Organe zueinander verschiebbar sind, und auch Blasenherde lassen sich gut erkennen.“

Lass dich nicht mit Kommentaren abspeisen wie: „Das müssen Frauen eben aushalten.“

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Im ottonova Magazin findest du viele weitere interessante Artikel zum Thema Frauengesundheit. Wir verraten dir zum Beispiel, was du über Brustkrebs-Vorsorge wissen solltest, wie dir Schwangerschafts-Apps die Geburtsvorbereitung erleichtern und was es mit der Gender Medizin auf sich hat.

Natalie Decker
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Natalie Decker

Natalie arbeitet seit 15 Jahren als Redakteurin. Neben Lifestyle-Themen wie Kochen und Reisen gehören Medizin & Gesundheit zu ihren Schwerpunkten. Sie schreibt unter anderem für das Online-Portal gesund-vital.de und den Ratgeber-Verlag Gräfe und Unzer.

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