25. September 2019

Personalisierte Medizin: Was kann die Behandlung der Zukunft?

Individuell heilen? Laut der Bundesregierung gehört personalisierte Medizin zur Medizin der Zukunft.  Schließlich könnte eine Therapie sehr erfolgreich sein, die individuell auf einzelne Patienten zugeschnitten ist. Allerdings bemängeln Kritiker, die Versprechen seien zu vollmundig. Was kann die sogenannte Präzisionsmedizin also wirklich für den Gesundheitsfortschritt leisten?

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„Entweder werde ich einer der ersten sein, die diesen Krebs besiegen, oder einer der letzten, die daran sterben“

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Das sagte Steve Jobs in seiner Biographie. Er war so überzeugt von der personalisierten Medizin, dass er 100.000 $ an Top-Forscher zahlte, um die DNA seines Krebstumors zu entschlüsseln. Statt auf die Standard-OP und -Bestrahlung zu setzen, hoffte er, so eine passgenaue Therapie zu finden. Wie allgemein bekannt, scheiterte der Versuch. Dennoch ist die personalisierte Medizin weiter im Kommen. Denn nicht nur Steve Jobs glaubt daran.

Was bedeutet individuelle Medizin genau?

Stell dir vor, du und deine Freundin leiden unter derselben Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ihr ähnliche Medikamente und Therapien erhaltet. Aber es kann gut sein, dass deine Freundin aufgrund ihres geringeren Körpergewichts viel höhere Nebenwirkungen zu spüren bekommt. Vielleicht führt die Überdosierung sogar zu schweren Blutungen, die eine sofortige Krankenhausaufnahme erforderlich machen, so die Deutsche Apotheker Zeitung. Wäre es nicht also schlauer, individuelle Unterschiede bei der Verschreibung von Medikamenten zu berücksichtigen? Genau das fordert die Europäische Gesellschaft für Kardiologie momentan.


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Die Präzisionsmedizin geht noch weiter als die Gendermedizin. Sie will nicht nur die Geschlechtsunterschiede berücksichtigen, sondern weitere individuelle Merkmale des Patienten. Natürlich wäre es ideal, möglichst den passenden Wirkstoff in genau der richtigen Dosis für jeden einzelnen Menschen zu finden. Denn es ist nun einmal so, dass verschiedene Menschen unterschiedlich auf dieselben Medikamente reagieren. Aber so weit ist die individualisierte Medizin noch nicht.

Im Moment geht es eher darum, durch genaue Laboruntersuchungen die Blutwerte, den Zellstoffwechsel oder Erbgutveränderungen zu analysieren, um die dazu passende Therapie zu wählen. Dabei denken die Forscher noch nicht in Individuen, sondern in Patientengruppen: Für bestimmte Gruppen gelten bestimmte Empfehlungen. „War das nicht schon immer so?“, denkst du jetzt vielleicht. Die Antwort ist ein klares „Jein“.

Gab es personalisierte Medizin nicht schon immer?

Natürlich war es schon immer die Aufgabe der Ärzte, die richtige Therapie für genau den Patienten zu finden, der vor ihnen sitzt. Der technische Fortschritt erlaubt es heute aber, mehr Daten zu erheben und dadurch besser zugeschnittene Therapien anzubieten. Big Data, 3-D-Verfahren und neue Diagnostik-Methoden sorgen dafür, dass wir viel mehr Informationen sammeln und verarbeiten können als je zuvor. Eines der bekanntesten Beispiele für den Einsatz neuer Technologie in personalisierter Medizin ist die Krebsbehandlung.

Personalisierte Krebstherapie: Dem Krebs auf den Fersen

Neue molekular-genetische Untersuchungen und Bluttests zeigen, was genau die Tumorzellen besonders macht, die sich in einem bestimmten Patienten eingenistet haben. Sind ihre Eigenheiten erkannt, sind die Krebszellen verwundbarer. Denn jetzt lässt sich besser abschätzen, welche Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um die Krebszellen zu zerstören, so die Deutsche Krebsgesellschaft.

Diese Vorgehensweise erspart dem Patienten so einiges. Denn während eine Chemotherapie pauschal alle schnell wachsenden Zellen angreift, geht die neue Behandlungsform viel zielgerichteter vor. So bleiben gesunde Zellen verschont, die Krebszellen werden treffsicherer angegriffen und unwirksame Behandlungen lassen sich eher vermeiden. Entsprechende Medikamente sind bereits im Einsatz, zum Beispiel bei Brust- und Darmkrebs. Allerdings weisen Krebszellen so viele Veränderungen auf, dass sich das Tumorwachstum trotz neuer Technik nicht immer verhindern lässt. Das Verfahren steckt also noch in den Kinderschuhen. Man darf gespannt sein, was weitere Forschungen ergeben.

Asthma, Allergien und Depressionen bald individueller behandelbar?

Auch bei Lungenerkrankungen meldet die individualisierte Medizin erste Erfolge und Fortschritte. Eine bestimmte Lungenkrebsart, das nicht-kleinzellige Bronchialkarzinom, lässt sich dank präziser Diagnostik in verschiedene Untergruppen einteilen, die spezifischere Behandlungsansätze erlauben. Laut Lungeninformationsdienst dürfen auch COPD-, Asthma- und Lungenfibrose-Patienten auf zielgenauere Therapien hoffen.

Ähnliches melden Forscher aus der Allergologie und der Psychologie. Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie forscht zum Beispiel daran, wie Medikamente gegen Depression bei den einzelnen Patienten abgebaut werden. Das soll es erlauben, die Dosis individuell anzupassen.

Auch die individualisierte Medizintechnik hat Neuigkeiten: 3-D-Scanner sollen bald helfen, passgenauere Kompressionstextilien für Verbrennungsopfer zu entwerfen, ohne die geschädigte Haut berühren zu müssen.

Personalisierte Medizin in der Kritik

Wo Licht ist, muss man den Schatten bekanntlich nicht lange suchen. Kritiker bemängeln, dass die personalisierte Therapie noch einen langen Weg vor sich habe, um die Qualität der Medizin spürbar für große Teile der Bevölkerung zu verbessern.

So kritisiert Prof. Vollmann, dass sie momentan nur wenigen Patienten zugutekomme, da sich die Verfahren auf eine geringe Anzahl von Erkrankungen beschränken. Außerdem sei hier nicht von einer personenzentrierten Medizin die Rede, also einer Medizin, die den einzelnen Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt. Vielmehr handle es sich um techniklastige Diagnoseverfahren, die Patienten in Untergruppen kategorisieren.

Weitere Kritik kommt von Prof. Antes. Er bemängelt, dass sich Forscher auf Big Data, Datenanalysen und Korrelationen versteifen, anstatt echte Kausalitäten in soliden Experimenten nachzuweisen. E-Health ermöglicht es auf der einen Seite, unterschiedlichste Daten eines Patienten an einer zentralen Stelle zu sammeln. Wenn zum Beispiel MRTs, Laborbefunde, Arztbriefe, Versicherungsdaten und Gesundheitsdaten aus Apps an einer Stelle zusammenfließen, könnte es möglich sein, persönlichere Behandlungskonzepte zu entwickeln. Aber nur, weil zwei Datensätze einen Zusammenhang nahelegen, heißt das noch nicht, dass es ihn wirklich gibt. Unsichere Korrelationen sind auch in der Forschung problematisch, wo es um stichhaltige Beweise statt um Interpretationen geht. Es wird wohl eine Weile dauern, bis beide Ansätze zueinanderfinden, um die Medizinforschung auf neue Höhen zu treiben.

Eins ist sicher: Die Zukunft der Gesundheitsbranche wird spannend. Denn die Medizin entwickelt sich in vielen Bereichen in einem rasanten Tempo weiter.

Eine weitere spannende Frage: Werden wir unsere Gehirne bald mit Smartphones vernetzen können?

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