15. Juni 2020

Datennutzung in der Gesundheitsbranche: Corona-App & Co.

Die Diskussion um Datennutzung kocht gerade hoch: Im Gespräch sind Apps, die Kontakte verfolgen, Daten tracken und so die Ausbreitung von Covid-19 eindämmen könnten. Wie steht es um die Datennutzung in der Gesundheitsbranche und eHealth-Start-ups? ottonova hat mit einer Digitalexpertin gesprochen.

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In der Debatte zu Exit-Strategien aus den aktuellen medizinpolitischen Einschränkungen wegen des Coronavirus stehen Apps zur Kontaktverfolgung zur Diskussion.

Einige Staaten nutzen solche Tracking-Apps bereits, um Infektionsketten nachvollziehen zu können: In China und Israel etwa werden Standortdaten erfasst. In Österreich werden persönliche Begegnungen registriert. Auch in Deutschland wird die Corona-Tracking-App nun nach längerer Diskussion und Entwicklung am 16. Juni präsentiert werden und zum Download bereit stehen.

Allerdings steht die App nur  Geräte zur Verfügung, auf denen das Betriebssystem iOS 13.5 (Apple) oder Android 6 (Google) installiert ist. Ältere Geräte können die App nicht installieren.

Apple und Google arbeiten zusammen an Funktion zur Kontaktverfolgung 

Wegen der Dringlichkeit des Themas hatten sich im Vorfeld sogar zwei absolute Konkurrenten zusammengeschlossen und arbeiten gemeinsam an einer Funktion zur Kontaktverfolgung: Die Tech-Riesen Apple und Google.

Sie wollen eine gemeinsam nutzbare Schnittstelle entwickeln, die die Kontaktverfolgung anonymisieren und vor Missbrauch schützen soll. Das Ziel ist es, Infektionsketten nachvollziehen zu können.

Mitte Mai soll es dazu ein Update für den Google Playstore und den Apple Store geben. Über Bluetooth wird dann eine anonyme, zufällige Kennung an Geräte in der Nähe übertragen ohne Standortdaten zu verwenden. Nachdem diese Geräte Daten ausgetauscht haben, wird dir als Nutzer mitgeteilt, ob du dich in der Nähe einer Infizierten Person befunden hast, die aber anonym bleiben soll. Natürlich nur, wenn diese infizierte Person ihren Status mitgeteilt hat.

Du kannst dich dann freiwillig entscheiden, ob du diese Funktion nutzen möchtest. Und natürlich auch, ob du deinen Gesundheitsstatus mitteilen möchtest. Das Bluetooth-Modell wird auch von der Bundesregierung favorisiert.

Corona Tracking App B@2X

Bundesjustizministerin & RKI betonen Freiwilligkeit des Datentrackings

Die Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) betonte im Deutschlandfunk, dass die Freiwilligkeit in der Diskussion zum Datentracking das oberste Gebot sei. Sollten zur Eindämmung der Corona-Pandemie in einer Tracing-App Standort-Daten erhoben werden, wie es bereits diskutiert wurde, dann ginge dies nur mit Freiwilligkeit. Denn es handle sich um einen tiefen Eingriff in die Privatsphäre der Bürger.

Außerdem sei es sehr wichtig, dass die Daten nur über einen begrenzten Zeitraum gespeichert würden und ausschließlich zu diesem einen Zweck genutzt würden. Nämlich Kontaktpersonen von Infizierten schneller ausfindig machen zu können. Auch müsse ganz klar geregelt werden, was im Anschluss mit den Daten passiere. Dies ist der einzige Weg, die Bevölkerung von diesen Maßnahmen unter Einhaltung des Datenschutz flächendeckend überzeugen zu können.

Virologe hält App für „bevorzugtes Werkzeug“

Dies sei wichtig, denn laut RKI-Wissenschaftler Dirk Brockmann müsse ca. die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland eine solche App oder Funktion nutzen, um Kontakte erfolgreich nachvollziehen zu können. Auch er betont die Freiwilligkeit in einer dpa-Meldung.

Das RKI hatte Anfang April eine App veröffentlicht, in der Bürger freiwillig ihre Daten aus Fitnesstrackern spenden können, um die Bewegungs- und Gesundheitsdaten auswerten zu und Rückschlüsse auf die Verbreitung von Corona ziehen zu können. Diese kann bereits eine sechsstellige Nutzerzahl verzeichnen.

Der Berliner Virologe Christian Drosten hält eine App zur Kontaktverfolgung im Kampf gegen das Coronavirus für ein effektives Mittel. Er hatte bereits sich im NDR-Podcast vom 08. April dafür ausgesprochen. In der Debatte um Exit-Strategien plädierte er für eine baldige Einführung einer Smartphone-App.

Diese Idee überzeuge ihn mehr als andere, es sei „das bevorzugte Werkzeug“. Denn im Moment verliere man noch zu viel Zeit bei der Kontaktverfolgung. Es gehe darum Menschen schnell informieren zu können, wenn sie sich in der Nähe einer infizierten Person aufgehalten hätten.

Forscher warnen in offenem Brief vor Datenmissbrauch

Nun haben sich Anfang dieser Woche 30 Forscher in einem offenen Brief geäußert. Sie erkennen zwar an, dass Apps dazu beitragen können, die Verbreitung des Virus Sars-CoV-2 einzudämmen, warnen aber davor, dass die Kontaktverfolgung mit Apps zur Überwachung missbraucht werden könnten. Die Privatsphäre der Bürger müsse geachtet werden. 

Sie sprechen sich in ihrem offenen Brief nicht grundsätzlich gegen das Sammeln von Daten aus, mahnen aber, dass dies zu einer nie dagewesenen Überwachung führen könnte. Auch Bluetooth-Systeme können bei falscher Umsetzung zu Ansammlung von Daten und Überwachung führen.

Damit kritisieren sie indirekt auch das Bluetooth-Modell, dass im Moment auch von der Initiative Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing verfolgt wird. Daran sind 130 europäische Wissenschaftler, Institute wie das RKI und Unternehmen beteiligt. Die Bundesregierung hatte sich am 23. April 2020 für diesen Lösungsansatz entschieden und am 26. April nach Kritik von Experten die Entscheidung nachgebessert und eine dezentrale Speicherung der Daten beschlossen. Die beiden anderen Lösungen, die zur Auswahl standen, waren die Ansätze von D3PT (Decentralizes Privacy Preserving Proximity Tracing) und Accenture.

Wichtig ist den Forschern außerdem, dass die Lösungen völlig transparent seien und sich alle Daten löschen lassen sollten, sobald die Corona-Pandemie eingedämmt sei.


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Bitkom B@2X

Digitalexpertin: Ethische Diskussion Daten zu verwenden

Über das Thema Datennutzung sprach ottonova schon auf der Digital Health Conference der Bitkom 2019 mit Anne Christin Braun, Digital Health Hub Lead im Zollhof. Dahinter steckt ein Tech-Inkubator mit Sitz in Nürnberg, der Tech-Startups und digitalen Innovatoren eine Plattform gibt, um ihre Geschäftsideen voranzutreiben.

Bundesgesundheitsminister Spahn hielt auf der Digital Health Conference 2019 eine Keynote und appellierte an eine flächendeckende und effiziente Patientenversorgung, die durch die Förderung von digitalen und technologischen Lösungen und die Vernetzung des Gesundheitssystems erreicht werden kann. Wichtige Punkte dabei seien zudem Datennutzung und Akzeptanz.

Zu Spahns Ausführungen zur Datennutzung in der Gesundheitsbranche sagt sie uns im Gespräch: 

„Es ist eine ethische Diskussion, Patientendaten zu verwenden, es ist aber auch eine ethische Diskussion, sie nicht zu verwenden.“

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Denn zum einen sind Gesundheitsdaten der Motor, der den medizinischen Fortschritt vorantreibt. Zum anderen sind sie so persönlich und wertvoll, dass die Sicherheit der Patienten mindestens genauso schwer wiegt wie der Fortschritt.

Welche Vorteile bringt Datennutzung für Patienten und Medizinbranche?

Die Herausforderung ist es also, Patienten so früh wie möglich in den Fortschritt einzubinden und ihnen gleichzeitig die Hoheit über ihre Daten zu gewährleisten. Wie davon die Gesundheitsbranche und die Patienten gleichermaßen profitieren können, erklärt Anne Christin an einem nachvollziehbaren Beispiel. Hast du schon einmal mit Grippe und Fieber Medikamente in der Apotheke abgeholt und zu Hause schon wieder vergessen, wie du sie einnehmen sollst? „Nur 50 % der Menschen nehmen ihre Medikamente so, wie sie sollten“, sagt Anne Christin.

Egal ob der Grund dafür ein stressiger Alltag oder allgemeine Vergesslichkeit ist – eine Möglichkeit, um die Medikamenteneinnahme zu optimieren, ist es, mit Hilfe moderner Technologie Daten an und im Körper des Patienten zu sammeln. Ein praktisches Beispiel für dieses Vorgehen, das Anne Christin als Digital Therapeutics beschreibt, kommt aus Amerika: Dort wurde bereits 2017 eine digitale Pille zugelassen, die genau das leistet.

So funktioniert die digitale Pille

Die digitale Pille besteht aus einem bereits bestehenden Wirkstoff für Patienten, die unter Schizophrenie leiden oder eine bipolare Erkrankung haben, und einem eingebauten Sensor. Kommt dieser mit Magensäure in Kontakt, löst er einen elektrischen Impuls aus, der wiederum an ein Pflaster weitergegeben wird, das der Patient trägt. Die dadurch entstehenden Daten können per App ausgewertet werden. So weiß der Patient immer, ob er seine Medikamente bereits eingenommen hat.

„Es ist wichtig, an solchen Technologien zu forschen“, findet Anne Christin. Ihr Erfolg hängt aber auch von der Akzeptanz der Patienten ab. „Deshalb ist es wichtig, eine Digital Health Literacy in der Bevölkerung aufzubauen, damit jeder – auch die Health-Care-Provider selber – mit Digital-Health-Applikationen umgehen kann“, beschreibt sie einen möglichen Lösungsansatz. Das Training, mit dem ein solches Verständnis digitaler Technologien fördert, könnte wiederum ein neues Geschäftsmodell sein.


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Welche Schritte müssen gegangen werden?

Damit die Zukunftsvisionen, die auf der Digital Health Conference 2019 diskutiert wurden, auch Realität werden können, muss es treibende Kräfte geben. Wen sieht Anne Christin im Lead? „Es ist wichtig, Ökosysteme auf- und Silodenken abzubauen. Niedergelassene Apotheken schimpfen beispielsweise viel über Doc Morris. Aber was wäre, wenn beide partnerschaftlich zusammenarbeiten würden?"

„Der Benefit wäre riesig, wenn digitaler Support mit einer menschlichen Komponente verknüpft wird.“

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Auch Start-ups wie Climedo, das in digitalen Tagebüchern die Krankheitsverläufe von Patienten, bei denen das Coronavirus nachgewiesen wurde, oder Botfriends, das einen Corona-Infodienst-Chatbot entwickelt hat, spielen bei jeder Technologiewende eine wichtige Rolle. Beide sind unter dem Dach des ZOLLHOFS versammelt.

Anne Christin Braun Double B

„Was die Entwicklung bei den Startups anbelangt, gibt es derzeit ein absolutes Momentum für Digital Health Startups, insbesondere wenn deren Technologien zur Bewältigung der Corona-Krise beitragen können. Es besteht berechtigte Hoffnung, dass die Krise als Beschleuniger der Digitalisierung des Gesundheitswesens dient – auch über COVID-19 hinaus“, sagt die Expertin in einem erneuten Interview mit ottonova.

Selbst die größten Skeptiker könnten nunmehr beispielsweise schlecht von der Hand weisen, welche Vorteile etwa telemedizinische Behandlungsangebote bieten – besonders in der aktuellen Situation, in der sicher niemand gern in überfüllten Wartezimmern sitzen möchte.

Außerdem können Start-ups jetzt in der Krise viel schneller reagieren und davon profitieren. Die Expertin nennt ein weiteres Beispiel: vitas.ai, die normalerweise einen AI-gestützten Sprachassistenten für automatisierte Restaurantbuchungen anbieten, haben nun blitzschnell einen KI-gestützten Corona-Sprachassistenten entwickelt. Dieser will überlasteten Institutionen wie Ämtern, der Polizei, aber nicht zuletzt auch Ärzten dabei helfen, wiederkehrende Anfragen von Bürgern effizient zu beantworten und überlastete Hotlines zu entlasten, aber auch schnellstmöglich relevante und hilfreiche Informationen mit Anfragenden zu teilen.

Die Politik in Deutschland muss Basis für Innovation schaffen

„Für Start-ups ist es im Bereich Digital Health immer schwierig, ihr Produkt auf den sehr regulierten Markt zu bringen“, bedauert Anne Christin. „Ich wünsche mir deshalb unternehmensfreundlichere Rahmenbedingungen. Denn wenn die guten Leute mit guten Ideen, in Deutschland nicht Fuß fassen können, nehmen sie ihre Ideen mit ins Ausland.“ Das wäre schade, denn in Deutschland existiert ein potenzieller Markt für gute Ideen, auch in der Gesundheitsbranche. Anne Christin fordert:

„Wir brauchen also in Deutschland eine Strategie und eine zentrale Stelle, die Dinge vorantreibt“

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Als Positivbeispiel zum Abschluss nennt sie die eHealth-Plattform sundhed.dk aus Dänemark. Hier haben die dänischen Healthcare-Provider großes Vertrauen gezeigt, das nun mit der Akzeptanz der Nutzer belohnt wird. „Wir müssen die Voraussetzungen so schaffen, dass Unternehmertum nicht von politischen Rahmenbedingungen verhindert wird und auf der anderen Seite dafür sorgen, dass der Patient den Mehrwert kennt und bereits in der Kommunikation und Umsetzung abgeholt wird. Dafür muss die Politik die Basis schaffen“, so das abschließende Fazit der Digitalexpertin.

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