unwind your mind: Was sich in der Arbeitswelt ändern muss

"Beim Stress ist es wie mit dem Klimawandel. Die Fakten können noch so alarmierend sein, es wird noch immer zu wenig dagegen getan", sagt Julia Kounlavong. Die Gründerin der Stressmanagement-Plattform "unwind your mind" will die Arbeitswelt verändern. Denn diese ist der Hauptgrund für Stress. Im Interview verrät sie wie.

ottonova: Julia, du hast „unwind your mind“ gegründet. Was läuft deiner Meinung nach schief in der Arbeitswelt?

Julia: Ich habe früh angefangen zu arbeiten. Ich liebe es Dinge zu verändern und anzustoßen. Stillstand kann ich überhaupt nicht leiden. Auch für meine Festanstellungen zum Beispiel bei Amazon war ich immer viel unterwegs.

Um mich weiterzuentwickeln, habe ich dann eine Yoga-Ausbildung angefangen. Zwar nie mit dem Ziel zu unterrichten, aber es hat sich dann so ergeben.

Und dann habe ich festgestellt, wie viel aus dem Yoga in der Business-Welt stattfinden müsste, damit wir gesünder arbeiten, ja gesünder leben können. Wir wissen alle, 9 to 5 existiert kaum noch und funktioniert generell nicht mehr. Nach 18 Uhr denken viele trotzdem noch an den Job und können keine klare Trennlinie ziehen.

Ich habe festgestellt, wie viele Menschen von Stress geprägt sind und dadurch auch krank werden. Bei mir selbst auch. Man hat mir das nie beigebracht, wie viel Stress ist zu viel, wie kann ich mich abgrenzen. Das musste ich auf die harte Tour lernen.

Ich bin ein Workaholic und Perfektionistin.

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Ich habe mich dann einfach gefragt: Was wäre, wenn ich all meine Erfahrungen nehme und diese teile. Ich habe mich mit meinen Peers unterhalten und alle hatten die gleiche Herausforderung: Stress.

Es kann doch nicht sein, dass wir nur auf den Urlaub hinarbeiten, dann im Urlaub krank werden, weil der Stresslevel abfällt oder auch im Urlaub noch arbeiten. Dass wir arbeiten bis wir krank werden.

Ich finde dieses Konzept nicht zielführend und das muss ich deshalb versuchen zu ändern.

ottonova: Und um diese Veränderung in der Arbeitswelt herbeizuführen, gibt es „unwind your mind“?

Julia: Genau, mein Ziel ist eine ganzheitliche Stressmanagement-Plattform vor allem für Unternehmen aufzubauen.

Stress ist individuell und genauso individuell muss auch das Stressmanagement sein. Jede Person nimmt Stress anders war, hat andere Trigger und geht anders damit um. Es gibt verschiedene Stresstypen: manche werden aufbrausend, manche fressen Stress in sich rein. Es gibt da keinen „one fits all“-Ansatz. Genau wie in der Personalführung manche brauchen enge Führung, manche arbeiten lieber freier. Das müssen Führungskräfte und auch Gründer und Gründerinnen verstehen.

Wenn man sich Statistiken anschaut, dann wird Stress hauptsächlich durch die Arbeit getriggert. Da können wir im Stressmanagement das Thema Arbeit vor allem aber wie wir zusammen arbeiten nicht außen vor lassen.

Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit, 30 Jahre unseres Lebens, am Arbeitsplatz.

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Ich möchte aber nicht mit dem Finger auf Unternehmen zeigen und sagen, ihr macht das falsch. Sondern stattdessen will ich meine Hand reichen und Hilfe anbieten, damit wir gemeinsam etwas verändern können.

Gute Veränderung heißt aber nicht gleich alles zu ändern, weil das noch mehr Stress auslöst, sondern einen gesunden Prozess in Gang zu setzen, bei dem alle mitkommen können.

Die dritte Säule des Konzepts ist ein virtueller Assistent, der dabei unterstützt, eine nachhaltige Routine aufzubauen. Denn wer kennt es nicht? Im Januar melden sich alle im Fitnessstudio an und spätestens im März ist man wieder in der alten Routine versunken.

ottonova: Wie schaffst du es denn als Gründerin, Zeit für deinen mind zu finden? Hast du Empfehlungen für andere?

Julia: Ich habe mir selbst starke Routinen aufgebaut. Ich „predige“ nichts, was ich nicht auch selbst mache: Walk the talk. Veränderung ist etwas, das nicht von heute auf morgen passiert. Wenn man diese nachhaltig aufbauen will. Das versuche ich auch in meinem Business zu beachten. Nur weil ich Gründerin bin, heißt es nicht, dass ich 24/7 arbeiten muss.

Ich will achtsam gründen.

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Ich steh morgens auf, meditiere, mache Sport, geh duschen und dann starte ich in den Tag. Da ist meine Priorität.

Zeit für Sport bekommt man nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Wenn man das nicht entsprechend plant, dann macht man das nicht.


Manchmal braucht es auch einen externen Trigger, der dich aus der Stresssituation rausholt. Ich bin zum Beispiel aus der Stadt herausgezogen und geh sehr viel mit meinem Hund spazieren. Dass ich einen Hund habe, hilft mir auch dabei Pausen zu machen. Wenn er raus will, will er raus. Er wartet nicht.

Ein Credo, das mir hilft und das ich auch in meinen Yogaklassen unterrichte, ist: Du sitzt selbst am Steuer (deines Lebens) und entscheidest, wo du hinfährst. Stress hindert uns da oft dran. Dafür möchte ich Menschen Tools an die Hand geben und dabei unterstützen, den richtigen Weg zu finden.

ottonova: Viele Menschen kennen ihre Trigger selbst nicht so gut wie du. Was sind denn Anzeichen dafür, dass man gerade unter zu viel Stress leidet.

Julia: Du kannst dir Fragen stellen: 

Wenn du merkst, dass dein Rücken schmerzt oder deine Augen wehtun, ist es Zeit für eine Pause. Dein Körper sendet dir Signale, du musst nur lernen darauf zu hören und dann entsprechende Maßnahmen treffen. Yoga oder auch Meditation können dich dabei unterstützen.

ottonova: Wenn es um Stressmanagement geht, sind viele Unternehmen anfangs überfordert mit der Frage: Wo fange ich überhaupt an? Hast du da konkrete Tipps und Methoden?

Julia: Ich gebe zum Beispiel Stressmanagement-Workshops für Unternehmen auf der Plattform, die genau diese Frage angehen. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten und versuchen zu identifizieren, wo die Stresspunkte liegen. Ich finde Unternehmen müssen anfangen, die Verantwortung auch für den Stress ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu übernehmen.

Das Modell wir tauschen einfach Arbeitskraft gegen Geld ist veraltet. Das funktioniert nicht mehr.

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Eine andere Möglichkeit anzufangen ist es, einfach mal Dinge auszuprobieren und nicht in Vorurteilen zu versinken: Was macht Meditation oder Yoga mit mir? Tut es mir gut? Ich versuche Barrieren abzubauen, indem ich Klassen online anbiete, damit jede Person zu Hause für sich üben kann.

Einige Unternehmen bieten ja schon Meditationskurse oder Yogaklassen an. Aber wenn das dann immer zu einem festen Zeitpunkt stattfindet, an dem ich vielleicht nicht kann, oder an einem Ort, den ich erst einmal erreichen muss, dann ist das eine Barriere, die unter Umständen zu Ausreden führt. Oder es gibt solch ein Angebot im ländlichen Raum gar nicht. Deshalb biete ich alles ganz flexibel für jede Person online an.

ottonova: Wenn ich auf die Plattform komme, was genau finde ich da

Julia: Im Moment steht für Einzelpersonen nur das Yogastudio zur Verfügung. Meine Stressmanagement-Workshops kann ich aus Zeit- und Kapazitätsgründen nur Unternehmen anbieten. Wenn Unternehmen auf mich zukommen, entwickeln wir dann gemeinsam ein passendes Konzept.

Meine Mission ist es ja, die Arbeitswelt zu verändern und dafür muss ich in die Unternehmen rein. Ich will an den Kern des Stresses.

Auch der digitale Assistent wird sich vorrangig an Unternehmen und ihre Mitarbeitenden richten, um gesunde Arbeitsroutinen zu verfestigen. Dieser ist aktuell noch in Arbeit.

ottonova: Was genau an Yoga ist denn so wertvoll für das Stressmanagement und welche Aspekte davon würden uns auch im Arbeitsleben generell guttun?

Julia:

  1. Du setzt dir beim Yoga immer eine Intention: Du weißt, warum du hier bist und setzt dir ein Ziel. Das ist im Arbeitsalltag auch hilfreich, um den Arbeitstag zu strukturieren oder für Meetings.
  2. Du bist im Beobachtungsmodus, ohne zu beurteilen: Wir be- und verurteilen viel zu schnell und ziehen zu schnell Schlüsse. Das versperrt uns, mit offenen Augen und Neugierde an eine Situation heranzugehen. Es geht auch darum in uns reinzuhorchen und zu schauen: Wie weit kann ich heute gehen oder an was/welche Lösung hab ich vielleicht noch nicht gedacht?
  3. Die Leistung, die du heute geben kannst, ist ok: Wir bekommen oft immens hohe Ziele gesetzt (oder setzen uns diese auch gern selbst.) Ich habe gestern 100 % gegeben, also muss ich heute 120 % geben. Das liegt an unserer Leistungsgesellschaft und auch an unserem Schulsystem, wo wir immer dazu erzogen worden sind je mehr wir investieren, desto besser wird der Output. Es ist aber so, dass wir tagesformabhängig manchmal besser und manchmal schlechter Leistung erbringen können. Gute Leistung kommt nicht von ständiger Beanspruchung, sondern hängt auch von anderen Themen z.B. Pausen ab.

Es reicht aber nicht, wenn sich nur Einzelpersonen die Vorteile von Yoga für ihr Leben oder die Arbeit sehen. Diese Prinzipien müssen in den Unternehmenskulturen und der Managementebene verankert werden.

ottonova: Wenn Unternehmen diese Prinzipien flächendeckend anwenden würden, wären sie ja auch für potentielle Mitarbeitende attraktiver.

Julia: Ja absolut! Ich arbeite seit über 10 Jahren im Employer Branding und genauso lange gibt es schon den War of Talents. Das bedeutet, dass wir einen Arbeitnehmermarkt haben und sich qualifizierte Menschen das Unternehmen idR aussuchen können.

Als Unternehmen musst du dich fragen: Wie schaffst du es, deine Mitarbeitenden zu halten?

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Und ich verstehe nicht, warum Unternehmen diese Verbindung nicht sehen. Es macht doch überhaupt keinen Sinn, wenn du gute Mitarbeitende gefunden hast, sie dann so auszubrennen, dass sie nach zwei Jahren das Unternehmen wechseln. Auch von einem ökonomischen Standpunkt her.

Und ich verstehe auch nicht, warum sich so viele Menschen gegen die 4-Tage- oder 30-Stunden-Woche sträuben, obwohl zum Beispiel Schweden in einem Test sehr gute Ergebnisse damit erzielt hat, was die Produktivität angeht. Wir arbeiten noch immer mit der 8-Stunden-Präsenzzeit. Das ist ein Konzept, das aus der Zeit der Industrialisierung stammt. Das ist für die meisten Berufszweige veraltet.

Die Arbeitswelt hat sich verändert und wir sind noch genauso starr in unseren Arbeitsweisen wie vor 150 Jahren.

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Menschen, die bereit für Veränderung sind, werden auch immer einen Job finden.

ottonova: Welche Probleme entstehen dadurch, dass Menschen so viel Stress in der Arbeitswelt ausgesetzt sind?

Julia: Es ist alarmierend wie viele Menschen in Frührente gehen, weil sie durch psychische Belastung krank geworden sind. (Im Durchschnitt 41%.) Darauf ist unser Rentensystem auch gar nicht ausgelegt.

Auch Rückenschmerzen oder Bandscheibenvorfälle sind oft auf die Arbeit zurückzuführen. Menschen, die sehr gestresst sind, bekommen häufiger Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Sie leiden an Tinnitus oder Hörsturz. Aber auch Magen-Darm-Probleme oder Schlafprobleme resultieren aus Stress.

Beim Stress ist es wie mit dem Klimawandel. Die Daten und Fakten können noch so alarmierend sein, es wird noch immer zu wenig dagegen getan.

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Das Problem löst sich nicht von selbst und wir müssen jetzt damit anfangen, nach nachhaltigen Lösungen zu suchen.

ottonova: Es gibt sicher einige Vorbehalte noch immer gegen Yoga. Was begegnen dir denn für Vorurteile?

Julia: Anders als uns Social Media glauben macht, geht es nicht nur um krasse Haltungen. Beim Yoga geht es nicht nur darum, irgendwelche fantastischen Verrenkungen zu machen. Es gibt aber genug Yogalehrende, die nur das in den Vordergrund stellen. Das nervt, weil es nicht der Kern von Yoga ist, sich bestmöglich auf Social Media zu präsentieren. Deswegen verbanne ich Social Media auch aus meinen Yogaklassen. Denn das kreiert auch nur wieder Barrieren, warum Menschen kein Yoga machen wollen.

Ob du einen Kopfstand oder Handstand kannst, ist beim Yoga total nebensächlich.

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Natürlich gibt es auch das Vorurteil, dass Yoga total spirituell und nur etwas für Esoteriker ist. Auch dass die Yogalebensweise nicht zu Business machen wollen passt, stimmt nicht. Yoga ist eine Einstellungssache, die wir aus meiner Sicht in unseren Business-Alltag integrieren sollten und dadurch nur gewinnen können.

Wer ist Julia Kounlavong?

Julia hat früher Leistungssport gemacht und jahrelang auf internationaler Ebene in Großkonzernen gearbeitet. Sie ist sowohl ausgebildete Yoga- und Pilateslehrerin als auch im Autogenen Training und der progressiven Muskelentspannung zertifiziert. Die Vision der Gründerin von "unwind your mind" ist es Menschen die Möglichkeiten aufzuzeigen besser mit Stress umzugehen und möchte dafür vor allem die Arbeitswelt verändern.

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Marie-Theres Rüttiger
HIER SCHREIBT Marie-Theres Rüttiger

Marie-Theres ist Online Redakteurin für Gesundheits- und Versicherungsthemen bei ottonova. Sie konzipiert den Redaktionsplan, recherchiert und schreibt vor allem über (E-)Health und Innovation, die das Leben besser machen.

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