Warum die Corona-Krise Frauen härter trifft

Klar, Covid-19 ist für alle Gesellschaftsschichten eine Herausforderung. Aber Krisen treffen bekanntlich die besonders hart, die sowieso schon benachteiligt sind. Nicht nur in der dritten Welt, sondern auch hierzulande, sind das unter anderem Frauen. Besonders selbstständige Frauen. Warum?

Studie: Warum die Corona-Krise selbstständige Frauen härter trifft als Männer

Was haben deine Lieblingsfrisörin, die nette Kellnerin aus der Eckkneipe und die fachkundige Boutique-Verkäuferin gemeinsam? Richtig, sie sind Frauen. Und gehören damit zu jenem Teil der Gesellschaft, der seit 1957 dem Mann gleichgestellt ist. Die Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes ist erst 64 Jahre her! Und nicht nur das: Erst seit 1962 dürfen Frauen ein eigenes Bankkonto eröffnen. Seit 1977 wiederum darf der Ehemann nicht mehr den Arbeitsvertrag seiner Frau kündigen, wenn er sie lieber am heimischen Herd sehen will.

Heute ist natürlich vieles anders. Die meisten Frauen verdienen ihr eigenes Geld, immer mehr wagen den Sprung in die Selbstständigkeit. Ging vor 30 Jahren nur jede fünfte Unternehmensgründung auf das Konto einer Frau, ist es mittlerweile schon fast jede dritte.

Doch Frauen gründen anders als Männer. Rund 67 Prozent sind Solo-Selbstständige, 23 Prozent arbeiten weniger als 20 Stunden pro Woche. Frauen, die Mitarbeiter haben, gründen oft Friseursalons, machen ein Café auf oder betreiben ein Kosmetikstudio. Hier wird schon deutlich, warum Frauen zu den Verlierern der Corona-Krise gehören.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlichte im April 2021 eine Studie, die anschaulich zeigte, was selbstständige Frauen in der Corona-Krise zu stemmen hatten. Während 47 Prozent der männlichen Selbstständigen finanzielle Einbußen hinnehmen mussten, waren es bei ihren weiblichen Counterparts 63 Prozent. Frauen arbeiten nun einmal häufiger in Branchen, die pandemiebedingt schließen mussten.

Laut DIW treffen die Corona-Maßnahmen Frauen mit einer rund 60 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit als Männer. Tatsächlich musste knapp mehr als die Hälfte der Frauen mit wirtschaftlichen Einschränkungen leben.


Corona-Hilfe für Selbstständige

Was dir zusteht


Frauen leiden in der Corona-Krise doppelt so häufig unter psychischer Belastung

Wer existentielle Sorgen hat, muss einem enormen Druck standhalten. Hält er länger an, hinterlässt er irgendwann Spuren. Tatsächlich nahmen psychische Probleme bei Frauen während des Lockdowns deutlich stärker zu als bei Männern. Selbstständige Frauen waren besonders häufig betroffen – gerade dann, wenn sich finanzielle Sorgen häuften.

Rund 4170.000 Frauen fielen 2020 wegen depressiver Episoden aus, während bei Männern nur 212.000 Krankheitstage zu Buche schlugen.

Bei anderen psychischen Erkrankungen zeigt sich ein ganz ähnliches Bild:

Fehltage von Frauen

Fehltage von Männern

Anpassungsstörung

416.000

159.500

wiederkehrende Depressionen

222.000

95.000

Burnout

165.500

68.000

Warum die Schere an Fehltagen so weit auseinandergeht, lässt sich relativ einfach erklären. Bereits vor der Krise stemmten Frauen den Großteil der Hausarbeit und der Kindererziehung – während sie gleichzeitig ihrem Job nachgingen.

Dieser Umstand dürfte den meisten Paaren bekannt sein. Auch die Zahlen zeichnen ein deutliches Bild: Frauen verbringen im Schnitt 4 Stunden und 26 Minuten pro Tag mit unbezahlter Familien- und Hausarbeit, Männer eine Stunde und 48 Minuten. Wer jetzt denkt, dass Frauen aufgrund von Teilzeitarbeit mehr Spielraum hätten, irrt. Zwar arbeiten tatsächlich viele Frauen in Teilzeit, aber die unbezahlte Arbeit nimmt die freie Zeit komplett ein. Und führt in Summe sogar zu mehr Arbeit!

Corona Krise Frauen

Wochenarbeitszeit*:

  • Frauen: 55 Stunden
  • Männer: 49 Stunden

Mehr Arbeit bedeutet nicht nur mehr Verpflichtungen und mehr Stress, sondern auch weniger Zeit für Erholung. Während der Corona-Krise hat sich dieses Problem vervielfacht, sind doch vor allem Frauen für Homeschooling und Kinderbetreuung zuständig.

*bezahlte und unbezahlte Arbeit addiert


Ständig im Stress?

So kommst du besser damit klar


Ob selbstständig oder nicht: Frauen übernehmen in der Corona-Krise den Hauptteil der Hausarbeit

Zwar waren während der Lockdowns häufig sowohl Mann als auch Frau zu Hause. Doch das bedeutete nicht, dass Mann automatisch mehr anpackte. 69 Prozent der Frauen gaben an, die allgemeine Hausarbeit zu erledigen. Dazu kam natürlich der Umstand, dass die Kinder den lieben langen Tag zu Hause waren und betreut werden mussten. Nicht nur im Rahmen des Homeschoolings. Schließlich hatten nicht nur die Schulen, sondern auch sämtliche Sportvereine, Musikschulen und Co. dicht. Freizeit musste also kreativ in den eigenen vier Wänden gestaltet werden.

Um Homeschooling und Kinderbetreuung kümmerten sich während des Lockdowns nur 13 bis 15 Prozent der Männer.

Ist das gerecht? Diese Frage beantworten Männer und Frauen unterschiedlich. 66 Prozent der Männer denken, die Aufteilung wäre vollkommen in Ordnung. Weniger als die Hälfte der Frauen stimmt dem zu. Dafür denkt jede zweite Frau, dass Hausarbeit und Kinderbetreuung auch schon vor Corona ungleichmäßig verteilt waren.

Die Corona-Krise hat also deutlich gemacht, was bereits vorher Realität war. Frauen kümmern sich auch heute noch mehr um Heim und Herd als Männer. Ein Unterschied ist, dass sie heute auch noch einer Erwerbsarbeit nachgehen.

Welche Rolle passt zu dir?

Der Mann als Ernährer und die Frau als liebevolle Mutter – dieses Rollenbild scheint tief in der gesellschaftlichen Psyche verankert zu sein. Auch heute noch, in einer Zeit, in der sich bereits so vieles gewandelt hat. Immerhin ist es heute ganz normal, dass Väter zumindest zwei Monate Elternzeit nehmen. Sie schieben fröhlich den Kinderwagen durch den Park, bringen vielleicht sogar den Müll hinaus und kochen ein leckeres Abendessen.

Die Karrierefrau dagegen ist für viele ein hehres Ideal – als eine Art Superwoman, die ohne mit der Wimper zu zucken alles unter einen Hut bekommt.

Aber muss Frau das überhaupt?

Ob erfolgreiche Unternehmerin oder Angestellte in Teilzeit: Viele scheinen den Drang zu haben, die perfekte Mutter, Hausfrau, Ehefrau, Freundin, Chefin oder Mitarbeiterin zu sein. Wozu das führen kann, zeigen die aktuellen Zahlen nur zu deutlich.

In Zeiten von Corona fühlen sich rund 50 Prozent der Frauen an ihrer körperlichen und psychischen Grenze. Nur 30 Prozent der Männer sagen dasselbe über sich.

Vielleicht ist es an der Zeit, sein eigenes Rollenverständnis zu hinterfragen.

Rollenbilder – Ein kleines Experiment

Nimm dir kurz Zeit, folgende Fragen zu beantworten:

Es mag Väter geben, die liebend gerne mehr als die zwei Standard-Monate Elternzeit nehmen würden, aber sich nicht trauen. Vielleicht wird man als Unternehmensberater schief angeschaut, wenn man zehn Monate Windeln wechseln möchte? Andererseits stellt sich die Frage: Warum sollte ein junger Mensch sich bei so persönlichen Lebensentscheidungen von der Meinung anderer beeinflussen lassen?

Wenn sich Frauen selbstständig machen, ein Restaurant betreiben oder eine Anwaltskanzlei führen können, warum dürfen dann Männer nicht mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen? Gleichberechtigung geht in beide Richtungen. Statt aus Gewohnheit in althergebrachten Bahnen zu schwimmen, wäre es vielleicht besser, für die individuelle Lebenssituation genau die richtige Lösung zu suchen.

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Jeannette Stowasser
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Jeannette Stowasser

Jeannette ist Online-Redakteurin für Gesundheit und schreibt seit 2011 Artikel, E-Books und Whitepaper zu den verschiedensten medizinischen Themen.

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