Terminservice- & Versorgungsgesetz (TSVG): Was sich ändert

Laut Stiftung Warentest warten 34 Prozent der gesetzlich Versicherten länger als drei Wochen auf einen Termin beim Facharzt. Bei Privatpatienten sind es nur 18 Prozent. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz soll diese Ungleichheit etwas abgefedert werden. Doch das TSVG soll noch mehr bieten.

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Was bedeutet das TSVG?

Kern des Gesetzes ist der Ausbau der Terminservicestellen. „Die Versorgung soll besser, schneller und digitaler werden“, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Das wird auch Zeit, schließlich ist der digitale Wandel in vollem Gange und die langen Wartezeiten auf Facharzttermine sind für GKV-Patienten ein echtes Problem. Denn viele Fachärzte halten Termine für Privatpatienten frei, weil sie bei der Abrechnung mit den privaten Krankenversicherungen besser vergütet werden. Damit Kassenpatienten nicht zu sehr benachteiligt werden, wurden die Terminservicestellen eingerichtet.

Wer sein Herzproblem beim Kardiologen untersuchen lassen möchte oder wegen Depressionen Hilfe von einem Psychotherapeuten braucht, möchte schließlich nicht wochenlang mit seinem Problem allein gelassen werden.

Auch etwa die elektronische Patientenakte, die 2021 endlich kommen soll, ist dort verankert.

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz ist am 11. Mai 2019 am in Kraft getreten und kann im Bundesgesetzblatt heruntergeladen werden. Wir geben im Folgenden einen kurzen Überblick. 

So funktioniert die Terminvergabe über die Servicestellen:

  • Kontakt aufnehmen: GKV-Patienten melden sich über die Telefonnummer 116 117, online oder über die neue App 116117 bei den Terminservicestellen. Sie sind jetzt jeden Tag rund um die Uhr erreichbar und sollen die zentrale Anlaufstelle für GKV-Patienten werden.
  • Ersteinschätzung: Wie akut ein Problem ist, wird in einem standardisierten Verfahren ermittelt. So wird deutlich, ob der Patient in eine offene Arztpraxis oder vielleicht sogar ins Krankenhaus muss. Wer einen Überweisungsschein mit einem Dringlichkeitscode hat, sollte ihn angeben. In diesem Fall besteht ein Anspruch auf eine Vermittlung innerhalb der nächsten vier Wochen.
  • Terminvermittlung: Im Gegensatz zur PKV kann der Patient sich seinen Facharzt nicht aussuchen, sondern erhält den nächsten freien Termin in Umkreis von bis zu 30 oder 60 Kilometern. Findet sich auch nach einer bestimmten Frist kein Termin, wird der Patient ambulant im Krankenhaus behandelt.

Die Terminservicestellen (TSS) wurden im letzten Jahr ausgebaut. Jetzt können sich GKV-Patienten auch einen dauerhaften Haus- oder einen Kinderarzt für den Nachwuchs vermitteln lassen. Innerhalb von vier Wochen haben sie ein Anrecht auf einen Termin für U-Untersuchungen ihrer Kinder. Aber auch diesen können sie sich nicht zwingend aussuchen.

Wer akut eine psychotherapeutische Behandlung braucht, muss jetzt maximal nur noch zwei Wochen warten. Das Terminservice- und Versorgungsgesetz bringt also notwendige Verbesserungen für Menschen, die eine Psychotherapie benötigen. Ob eine Wartezeit von zwei Wochen im Krisenfall nicht immer noch zu lang ist, sei dahingestellt.

Um Anreize zu schaffen, werden Fachärzte für die vermittelten Termine seit 2019 besser bezahlt als vorher. Die Vergütung wird anhand der TSVG-Honorarbereinigungen geregelt. Auf dem Land sind etwas höhere Zuschläge geplant, um die teilweise problematische Versorgungslage zu verbessern.

Welche Fachärzte müssen jetzt mehr offene Sprechstunden anbieten?

Der Ausbau der Terminservicestellen ist aber nur ein Aspekt des Gesetzes. Ein weiterer Hebel, um GKV-Patienten eine oft dringend benötigte schnellere Versorgung zu bieten, ist die Erhöhung des Mindestsprechstundenangebots. Das bedeutet: Statt wie vorher 20 Stunden müssen Ärzte nun 25 Sprechstunden pro Woche anbieten.

Fachärzte, die in der Grundversorgung tätig sind, wie beispielsweise Frauen- oder Augenärzte, müssen laut Terminservicegesetz fünf offene Sprechstunden zur Verfügung stellen. Eine offene Sprechstunde ist ein Zeitfenster, das Ärzte für Patienten mit akuten Krankheiten freihalten, die ohne Termin vorbeikommen. So soll es leichter fallen, sich akut behandeln zu lassen. Ob diese Regelungen ausreichen, um die Lage der GKV-Patienten zu verbessern, wird sich zeigen.

Bessere Versorgung auf dem Land

Bis Ende 2020 werden rund 50.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand gehen. Viele davon sind Hausärzte, manche mit einer Praxis auf dem Land. Den Nachwuchs jedoch zieht es eher in die Metropolen. Sind manche Regionen jetzt schon unterversorgt, könnte sich das Problem in Zukunft also zuspitzen. Das ist ein Problem für alle Versicherten.

Um das zu verhindern, sieht das Terminservice- und Versorgungsgesetz einige Maßnahmen vor:

  • Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KBV) müssen laut TSVG in unterversorgten Gebieten eigene Praxen eröffnen oder mobile, eventuell auch digitale Alternativen bieten.
  • Landärzte erhalten regionale Zuschläge.
  • Zulassungssperren in strukturschwachen Gebieten können leichter gekappt werden.

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Tsvg Elektronische Patientenakte B

Bringt das Terminservice- und Versorgungsgesetz einen Digitalisierungsschub?

Um eine korrekte Diagnose zu stellen, muss dein Arzt viel über dich wissen. Welche Grunderkrankungen hast du und welche Medikamente nimmst du? Sind deine Blutwerte in Ordnung? Welche Behandlungen waren bislang erfolgreich, welche weniger? Wenn du regelmäßig beim Arzt bist, kennt er dich und deine Besonderheiten gut. Doch wenn du die Praxis wechselst, bleiben die Akten mit den Infos in der alten Praxis. Dein neuer Arzt muss alle Daten nochmals erheben. Manche Informationen gehen dadurch auch verloren, da du keine Auskunft über alle medizinischen Details geben kannst. Die Lösung: Eine elektronische Patientenakte, die alle Infos über dich enthält.

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz sieht vor, dass die elektronische Patientenakte 2021 endlich eingeführt wird. Auch im Notfall sind alle Informationen, die dein Arzt braucht, nur ein paar Klicks entfernt. 

Gut zu wissen:

Du kannst selbst bestimmen, welche Daten du speichern lassen möchtest und welche nicht. Mit dem Smartphone kannst du dich auch selbst informieren, was im letzten Befund stand. Außerdem wird es die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab 2021 per App geben: Dein Arzt wird den „gelben Schein“ schon bald digital an die Krankenkassen schicken können.

Versorgungsgesetz erweitert Leistungskatalog der Krankenkassen 

Gesetzlich Versicherte sollen nicht nur schneller an Arzttermine kommen, sondern für manche Leistungen auch weniger zahlen müssen.

  • Kryokonservierung bei jungen Krebspatienten:
    Manche junge Erwachsene müssen aufgrund eines Tumors eine Behandlung durchführen lassen, die ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt. Damit sie später trotzdem Kinder bekommen können, übernimmt die Krankenkasse die sogenannte Kryokonservierung. Dabei werden Ei- oder Samenzellen eingefroren, um sie später für die künstliche Befruchtung nutzen zu können. 
  • Vereinfachte ambulante Pflege:
    Haushaltshilfe oder Begleitung bei Spaziergängigen gilt jetzt als Sachleistung. Angehörige müssen also nicht mehr in Vorleistung gehen, sondern die Betreuungsdienste rechnen gleich mit den Kassen ab.
  • Bessere Hilfsmittel:
    Lange war es gängige Praxis, dass Produzenten von Rollstühlen oder anderen Hilfsmitteln auf Jahre festgelegte Verträge mit den Krankenkassen schlossen und oft zu Dumpingpreisen liefern mussten. Das hat sich geändert. Die Öffnung des Marktes birgt gute Chancen, dass sich die Leistungen für alle Versicherten verbessern werden.
  • Mehr Geld für Zahnersatz:
    Bei Brücken oder Kronen trägt die Kasse nun anstatt 50 Prozent 60 Prozent der Kosten für die Regelversorgung. Spezielle Werkstoffe wie Gold oder Implantate sind im Gegensatz zur PKV davon ausgeschlossen. Allerdings gelten gerade Implantate als eine aus funktioneller und ästhetischer Sicht sehr gute Versorgung bei Zahnverlust. Deshalb solltest du als GKV-Patient über eine private Zahnzusatzversicherung nachdenken, um optimal abgesichert zu sein.

Fazit: Es tut sich also einiges bei den gesetzlichen Krankenkassen. Dennoch ist zu vermuten, dass Privatpatienten nach wie vor schneller an Facharzttermine kommen als GKV-Patienten. Auch Zahnersatz wird bei ihnen meist ganz bezahlt und nicht nur teilweise. Grund genug also zu überlegen, ob die private Krankenversicherung etwas für dich sein könnte.

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