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Gesundheit 4.0 - 13. März 2019

Telemedizin – Ärztlicher Rat ohne Grenzen

Der Weltraum. Unendliche Weiten – und weit und breit kein Arzt in Sicht. Auf der ISS wären Astronauten ohne Telemedizin aufgeschmissen. Zum Glück lässt die NASA kranke ISS-Bewohner per Videochat mit einem Arzt sprechen. Auch die Schweizer nutzen schon lange die Vorteile von Telemedizin – und sind uns Deutschen damit Lichtjahre voraus. Können wir noch aufholen?

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In vielen Ländern, etwa der Schweiz, gehört der „Online-Arzt“ schon seit Jahren zum medizinischen Alltag: Ohne sich ins Wartezimmer zu schleppen, können Patienten dort erste Diagnosen oder Krankschreibungen per Videochat erhalten. Diese ärztlichen Fernbehandlung über das Internet ist in unserem Nachbarland seit Jahrzehnten fest etabliert und mittlerweile ein erprobter und erfolgreich praktizierter Bestandteil des Schweizer Gesundheitswesens.

Kein Wunder also, dass die Schweizer auch am ersten deutschen Telemedizin-Projekt einer privaten Krankenversicherung beteiligt waren: In Deutschland nahm ottonova zusammen mit dem Schweizer Anbieter eedoctors bereits 2017 eine Vorreiterrolle ein und ermöglichte allen seinen Kunden deutschlandweit Videochats mit dem Arzt.

Grüezi, Herr Doktor – Warum Telemedizin in Deutschland Umwege brauchte

Telemedizin hatte bisher in Deutschland eine große Hürde: das sogenannte Fernbehandlungsverbot für Ärzte in Deutschland. Im Grunde handelt es sich dabei aber gar nicht um ein Verbot, sondern eine Regelung, die sich die Ärzte in Deutschland selbst auferlegt haben.

Untersagt ist damit nicht die Fernbehandlung an sich, sondern die ausschließliche Fernbehandlung ohne vorherigen physischen Arzt-Patienten-Kontakt. Das hat sich 2018 geändert, als die Bundesärztekammer die Regelung gelockert hat. Seitdem ist eine Behandlung auch ohne persönlichen Erstkontakt unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, wenn sie zum Beispiel ärztlich vertretbar ist. Außerdem muss die Lockerung auf Ebene des Bundeslandes verabschiedet sein, in dem der Arzt sitzt.

Telemedizin bringt Arzt und Patient näher

Die Lockerung des Fernbehandlungsverbots hat den Weg für eine flächendeckende Telemedizin geebnet. Und das ist wichtig, vor allem für Patienten. Das Astronauten-Beispiel hat uns schon einen guten Anhaltspunkt dafür gegeben, warum das so ist: Manchmal sind Patienten so weit von einem Arzt entfernt, dass der Aufwand für einen Arztbesuch einfach zu groß wäre. Gerade bei Patienten mit chronischen Krankheiten kann das ein echtes Problem darstellen.

Was ist Telemedizin?

Wer krank ist, sollte grundsätzlich nicht auf die medizinische Beratung durch einen Arzt verzichten müssen. Deshalb hilft Telemedizin mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik, Distanzen zu überwinden, damit ärztliche Versorgung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. „Versorgung“ meint dabei nicht nur Diagnosen, sondern auch Therapie oder Rehabilitation.

Soviel zur Theorie. Wie sieht es aus, wenn telemedizinische Versorgung ganz praktisch gelebt wird? Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Telemedizin Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern das Leben leichter macht. Dazu gehören chronische Herzkrankheiten, aber auch die Prävention von Diabetes oder Rückenschmerzen. Und auch Patienten mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen könnten dank Videochat dem Arztbesuch künftig viel beruhigter entgegensehen.

Übrigens: Videosprechstunden sind nicht das einzige, das Telemedizin leistet. Daneben gibt es verschiedene Teilbereiche wie die Teleneurologie: Krankenhäuser ohne eigene neurologische Abteilung können damit Schlaganfälle versorgen – indem eine Videokonferenz zu Spezialisten in einem überregionalen Versorgungszentrum durchgeführt wird. Auch hier hilft Telemedizin, die Distanz zwischen dem Patienten und einem Arzt zu verringern.

Distanz zu überwinden heißt aber nicht, sie ganz abzubauen. Deshalb ist es wichtig, auch die Grenzen der Telemedizin zu kennen: Der Videochat mit dem Arzt kann nicht immer den klassischen Arztbesuch ersetzen – das ist besonders im Hinblick auf die emotionale Beziehung zwischen Arzt und Patient wichtig. Und es gibt nach wie vor medizinische Situationen, in denen ein direkter Eingriff durch einen Arzt unerlässlich ist.

Praxis-Versuch: Telemedizin rettet Leben

Die Fontane-Studie der Charité Berlin hat in einer fünfjährigen Studie mit mehr als 1.500 Patienten gezeigt, dass Telemedizin das Leben von Herzpatienten verlängern kann. Die Teilnehmer leiden an einer chronischen Herzinsuffizienz, die in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen betrifft und eine häufige Ursache für Krankenhausaufenthalte ist. Die Hälfte der Studieneilnehmer wurde telemedizinisch mitbetreut, die andere Hälfte wurde konventionell behandelt. Die Studie hat gezeigt, dass sich Telemedizin auch messbare Ergebnisse zeigt:

  • Krankenhaustage
    mit Telemedizin: 17,8 Tage ohne Telemedizin: 24,2 Tage
  • Von 100 Herzinsuffizienzpatienten starben in einem Jahr
    mit Telemedizin: 8 Patienten ohne Telemedizin: 11 Patienten
  • Ungeplante Krankenhaustage wegen Herzinsuffizienz
    mit Telemedizin: 3,8 Tage ohne Telemedizin: 5,6 Tage

Telemedizin ja oder nein? Viele Patienten sind neugierig

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2015 hat gezeigt, dass knapp jeder zweite deutsche Patient das Angebot einer Videosprechstunde nutzen würde. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA: Laut einer aktuellen Deloitte-Studie aus dem Jahr 2018 haben zwar erst 23 % der befragten US-Bürger schon einmal per Videoanruf mit einem Arzt gesprochen. Doch auch dort würde mehr als jeder Zweite das Konzept ausprobieren.

Hoffnungen:

  • Als Vorteile der Videosprechstunde führen in der US-Studie 64 % der Patienten das Thema Convenience an.
  • Auch die Deutschen schätzen den Convenience-Aspekt an der Telemedizin: Laut der PwC-Studie „Future Health 2018“ meinen 71 %, dass Telemedizin ihnen Zeit spart.
  • Genauso viele Menschen sehen die Entlastung von Arztpraxen als einen Vorteil von Telemedizin.
  • Und 54 % sagen, Telemedizin reduziert menschliche Fehler.

Befürchtungen:

  • Auf der anderen Seite fürchten 85 % der Studienteilnehmer technische Fehler.
  • 76 % sorgen sich um ihre Daten.

Gerade die Befürchtungen – Wie verlässlich und sicher ist die Technik und wie sicher sind meine Daten? – lassen sich nur mildern, indem Telemedizin sich in der Praxis beweisen kann.

So viel Zeit spart der virtuelle Arztbesuch

Die Zeit im Wartezimmer fühlt sich schnell wie eine Ewigkeit an. Tatsächlich verbringen die meisten Deutschen laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zwischen 15 Minuten (34 %) und einer halben Stunde (29 %) im Wartezimmer. Der Arzt selber hat dann im Schnitt aber nur knapp 8 Minuten Zeit für den Patienten, so das Ergebnis einer internationalen Meta-Studie. Zusammen mit der Anfahrt kommt für einen einzigen Arztbesuch also mehr als eine Stunde zusammen.

Und das, wo du doch Ruhe brauchst – und keinen Kontakt zu Leidensgenossen, die dich in der Arztpraxis mit noch mehr Viren erwarten. Mit Telemedizin sparst du dir die Fahrt zum Arzt und die Zeit im Wartezimmer. Dafür bekommst du Quality time mit deinem Arzt: Ein Besuch in der virtuellen Arztpraxis von eedoctors dauert zum Beispiel im Schnitt 13 Minuten.

Die bisherige Entwicklung ist nur der Anfang

Wie viel es bewirken kann, wenn eine Krankenversicherung mit gutem Beispiel vorangeht, hat die Lockerung des Fernbehandlungsverbots 2018 gezeigt: Damals forderte ottonova, zum Wohle von Patienten und Ärzten die telemedizinische Fernbehandlung als zukunftsweisende Option der ärztlichen Beratung anzuerkennen. Knapp ein Jahr später wächst die Zahl professioneller Telemedizin-Anbieter in Deutschland weiter und viele weitere private Krankenversicherer haben den digitalen Arztbesuch in ihr Serviceportfolio aufgenommen. 

Aber: „Von einer umfassenden telemedizinischen Behandlung, wie sie in anderen Ländern schon gang und gäbe ist, sind wir in Deutschland also noch ein gutes Stück entfernt“, attestiert ottonova CEO Roman Rittweger. Die Ausstellung und Einlösung von Rezepten aus einer reinen Fernbehandlungen ist nach wie vor kompliziert, ebenso eine Krankschreibung. Es gilt deshalb, rechtliche Rahmenbedingungen anzupassen, die dem Konzept der reinen Telemedizin entgegenstehen.

„Was das Tempo der Umsetzung anbelangt, müssen wir noch einen Zahn zulegen“, fordert Roman Rittweger. Immerhin ist der Anfang gemacht: Neben Baden-Württemberg machen auch Schleswig-Holstein und Sachsen die ersten Gehversuche. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg hat im Bundesland das Telemedizin-Projekt Docdirekt gestartet, bei dem Patienten über das Telefon oder Videotelefonie medizinische Beratung von niedergelassenen Ärzten erhalten. In Sachsen und Schleswig-Holstein ist es Ärzten sogar möglich, auch außerhalb von Modellprojekten eine alleinige telemedizinische Beratung anzubieten. 

Die spannende Frage ist: Wer macht den nächsten Schritt?

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