14. August 2019

Wann gibt's endlich grünes Licht für die Lebensmittelampel?

Zu süß, zu fett, zu ungesund - viele Menschen schaffen es nicht, sich gesund zu ernähren. Ihnen könnte eine Lebensmittelampel helfen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen: Welche Vorteile und welche Kritik gibt es? Was steckt dahinter? Was sagt die Wissenschaft?

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Wie viel Fett steckt im Erdbeerjoghurt? Wie viel Zucker im Knuspermüsli? 

Wer sich für die Nährwertangaben von industriell gefertigten Lebensmitteln interessiert, braucht gute Augen – und gute Nerven: Die Zutatenliste auf der Verpackungsrückseite muss nämlich laut EU-Vorgabe in einer Schriftgröße von gerade mal 1,2 Millimetern gedruckt sein. 

Und wenn du die Mini-Buchstaben entziffert hast, beginnt die Rechnerei: Gilt die Gramm-Angabe von Salz, Zucker und Fett pro Portion oder pro 100 Gramm? Und wie viel darf man dann pro Tag davon essen, um sich ausgewogen zu ernähren? Schwierig, schwierig. Ärzte, Verbraucherschützer und Krankenversicherungen fordern deshalb schon lange die Einführung einer plakativeren Nährwertkennzeichnung: Die Lebensmittelampel soll endlich für Klarheit im Supermarktregal sorgen. 

Durch farbige Markierungen in Grün, Gelb oder Rot vorne auf der Verpackung sollen Konsumenten auf den ersten Blick erkennen können, ob verarbeitete Lebensmittel wie Tiefkühlpizza, Kekse oder Dosensuppe nun gesund oder eher ungesund sind. Eigentlich eine gute Sache, oder? Trotzdem wird über die Lebensmittelampel in Deutschland seit über zehn Jahren gestritten, 2008 ist ein entsprechender Antrag der Grünen im Bundestag gescheitert. Seither wird eifrig diskutiert, kommentiert und analysiert, getan hat sich aber bisher – nichts. 

Doch nun kommt Bewegung in die Sache: Das Ernährungsministerium und das staatliche Max-Rubner-Institut haben verschiedene Modelle von Nährwertampeln aus mehreren Ländern zusammengetragen und darüber hinaus einen eigenen Vorschlag zur Lebensmittelkennzeichnung erarbeitet. Noch bis Ende September dürfen ausgewählte Konsumenten im Rahmen einer Studie darüber entscheiden, welches System sie am verständlichsten finden. Dieses soll dann umgesetzt werden – allerdings auf freiwilliger Basis für die Lebensmittelhersteller. „Mir ist wichtig, dass eine Kennzeichnung kommt, die dem Bürger bei einer Kaufentscheidung hilft, egal welchen Namen sie hat“, erklärt Pablo Steinberg, der Leiter des Max-Rubner-Instituts. 

Aber was ist eine Lebensmittelampel überhaupt? Und welche Varianten gibt es?

Französischer Nutri-Score vs. britische Ampeln

Dass eine erweiterte Nährwertkennzeichnung sinnvoll ist, um ernährungsbedingte Gesundheitsprobleme wie Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten zu bekämpfen, steht außer Frage. Über das „Wie“ wird allerdings seit Jahren heftig gestritten. Auf der einen Seite stehen Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Verbraucherschützer, auf der anderen die Lebensmittelkonzerne und Ernährungsministerin Julia Klöckner.

Nutri Score Lebensmittelampel B

Viele Mediziner und Ernährungsexperten favorisieren den sogenannten Nutri-Score. Den gab es zuerst in Frankreich, inzwischen wird er auch in Portugal und Belgien eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein fünfstufiges Bewertungssystem in Ampelfarben, das die gesunden Inhaltsstoffe eines Produkts wie Ballaststoffe und Eiweiß gegen die ungesunden wie gesättigte Fettsäuren und Zucker aufrechnet. Dadurch ergibt sich für jedes Lebensmittel ein wissenschaftlich fundierter Gesamtwert, welcher durch einen farbigen Buchstaben von A bis E auf der Vorderseite der Verpackung symbolisiert wird. Ein dunkelgrünes A und ein hellgrünes B stehen für ausgewogene Produkte, ein orangefarbenes D und ein rotes E weisen auf ein weniger gesundes Lebensmittel hin, das man nur in Maßen verzehren sollte.

Britische Lebensmittelampel B

Eine Alternative zum Nutri-Score ist beispielsweise das britische Modell, das schon seit 2013 im Vereinigten Königreich im Einsatz ist. Es beinhaltet gleich mehrere Ampeln, die jeweils anzeigen, ob der Gehalt an Fett, Zucker und Salz im roten, gelben oder grünen Bereich liegt.

Die Industrie kritisiert die Ernährungsampel

Klar, dass diese Idee den Herstellern von zuckrigen Limonaden, Süßigkeiten und salzhaltigen Fertigprodukten nicht so gut schmeckt. Sie wehren sich seit Jahren gegen die Einführung einer farbbasierten Ernährungsampel, denn die würde aus ihrer Sicht bestimmte Produkte pauschal verurteilen. Und das, so argumentieren sie, obwohl man im Rahmen einer ausgewogenen Ernährungsweise durchaus hin und wieder zu Chips und Cola greifen dürfe. Patrick Kammerer, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (WAFG), fordert deshalb in Bezug auf die geplante Nährwertkennzeichnung: „Die Ausgestaltung braucht eine sachliche Grundlage und darf nicht diskriminierend sein.“ Die WAFG vertritt in Deutschland übrigens unter anderem Coca Cola und Red Bull. 

Das sagt die Ernährungsministerin zur Lebensmittelampel

Ernährungsministerin Julia Klöckner wurde immer wieder ihre Nähe zu Lobbyisten aus der Lebensmittelproduktion vorgeworfen. Der Verdacht: Sie würde die Einführung einer Lebensmittelampel blockieren bzw. bewusst hinauszögern. Klöckner selbst räumte auf einem Empfang des Bundesverbands der Verbraucherzentralen ein: „Sie wissen, ich bin kein Freund der Ampel.“ Diese sei zu simpel gedacht und könnte die Menschen täuschen. 

Allerdings hätten auch andere Kennzeichnungssysteme ihrer Meinung nach Vor- und Nachteile. Deshalb lässt die Ministerin jetzt die Bürger im Rahmen der oben erwähnten Studie entscheiden. „Nun geht es darum, herauszufinden, welches Modell für die Verbraucher verständlich ist. Und dabei kommt es mir auf die Impulse der Leute an, nicht auf unser verkopftes Denken“, sagt die CDU-Politikerin. Mit ihrer Bürgerbefragung kommt Julia Klöckner dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD nach. Dieser sieht nämlich vor, mit verschiedenen Lebensmittel- und Verbraucherverbänden bis zum Sommer 2019 ein Konzept zur Lebensmittelkennzeichnung zu erarbeiten. 

Von einer „Lebensmittelampel“ ist hier übrigens an keiner Stelle die Rede – es sollen lediglich bestehende Kennzeichnungsmodelle weiterentwickelt und vereinfacht visualisiert werden.

Meine Lebensmittelampel B

Lebensmittelampel per App

Doch ganz egal, für welche Form der Nährwertkennzeichnung sich die ausgewählten Konsumenten letztendlich entscheiden: Verpflichtend wird diese nicht sein. Denn laut EU-Lebensmittelinformations-Verordnung ist eine Lebensmittelampel nur auf freiwilliger Basis zulässig. Die Einführung einer europaweit einheitlichen Ernährungsampel scheiterte 2010 am Widerstand der großen Lebensmittelkonzerne.

Jedoch ticken nicht alle Hersteller gleich. Anfang des Jahres haben die Unternehmen Iglo, Danone und Bofrost damit begonnen, den Nutri-Score nach und nach auf ihre Produkte zu drucken. Sie sind damit der Politik einen Schritt voraus. Aber warum machen diese drei Hersteller das? Ganz einfach: Die Lebensmittelampel ist eben nicht nur ein diskriminierendes Label, sondern auch ein Ansporn für die Lebensmittelproduzenten, ihre Rezepturen zu verbessern. 

Ein Beispiel ist der bekannte Kinderjoghurt „Fruchtzwerge“ von Danone, der lange aufgrund seines hohen Fett- und Zuckergehalts in der Kritik stand. Der Hersteller hat reagiert, die Fett- und Zuckermenge im Joghurt gesenkt und darf sich jetzt mit einem hellgrünen B auf der Verpackung schmücken. Ein klarer Image-Gewinn für die kleinen Joghurtbecher. Das könnte andere Lebensmittelhersteller zum Nachmachen anregen, lange bevor Julia Klöckners Bürgerbefragung ausgewertet ist. Und bis zur Umsetzung des Voting-Ergebnisses werden sowieso weitere lange Monate vergehen. 

Wenn du in der Zwischenzeit wissen möchtest, wie es um den Nährwertgehalt deiner Lebensmittel bestellt ist, kannst du dir eine Lebensmittel-App aufs Handy laden.

App: Meine Lebensmittelampel

Anbieter wie „meine Lebensmittelampel“ ermöglichen es dir, beim Einkaufen die Nährwerttabellen auf den Packungen mit deinen persönlichen Ernährungsempfehlungen abzugleichen.

Download

Als Basis dafür dienen deine Körpermaße – dadurch soll es dir leichter fallen, gezielt abzunehmen oder dein Gewicht zu halten. Doch ganz egal ob mit oder ohne Lebensmittelampel - ohne das Wissen darüber, was dein Körper braucht und womit du bei der Ernährung sparsam sein solltest, klappt es nicht mit dem gesunden Lebensstil. Die geballte Ladung Wissen zum Thema Ernährung servieren wir dir deshalb in bekömmlichen Häppchen.

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